Juni 2011
Monatsarchiv
21. Juni, 2011

Smokingoutfit mit Weste, Schal und Mantel – und verdeckter Knopfleiste
Ausgehend von einer Diskussion, die ich gerade auf Twitter mit @oschn führte, möchte ich kurz meine Gedanken zum Thema Smoking niederschreiben.
Heutzutage gilt der Smoking als entbehrliches Kleidungsstück, weil er für die meisten Anlässe zu formal erscheint. Und es stimmt ja auch: Wozu benötigt man heutzutage überhaupt noch einen? Auf den meisten Bällen reicht ein dunkelblauer Anzug – und auf Opernpremieren sehe ich heutzutage häufig sogar Menschen in Jeans.
Viele Leute scheinen zu glauben, daß der Smoking äußerst starre Richtlinien bezüglich Hemd, Kragen, Farbe und anderen Ausstattungsmalen hat. Und viele dieser Vorstellungen sind einfach falsch. Ein Smoking hat beispielsweise nicht zwingend schwarz zu sein. In dunklem Blau wirkt er gerade noch eine Spur eleganter, da ein solches nachts viel eleganter und sogar schwärzer aussieht als ein echtes Schwarz. Klingt komisch? Schauen Sie sich das ruhig auf einer entsprechenden Veranstaltung einmal an.
Auch die Kragenform ist keineswegs starr: Während es früher üblich war, zum Smoking einen normalen Umlegekragen zu tragen, weil der Kläppchen- oder Vatermörderkragen ausschließlich dem Frack vorbehalten war, so hat sich heute diese Sichtweise überholt. Da es den Frack so nahezu gar nicht mehr gibt, ist die elegantere Kragenform zusammen mit dem Smoking nicht nur eine gangbare, sondern in meinen Augen sogar bessere Form. Denn wenn der Smoking in den Rang eines Fracks aufgestiegen ist – warum ihn dann nicht auch mit dem elegantesten Hemdkragen verbinden, den es gibt?
Wir dürfen nicht vergessen: Ursprünglich war dieses in unseren Augen schon fast ZU elegante Kleidungsstück etwas, das man gerade mal beim Essen im familiären Rahmen trug, sonst aber nie. Dazu gab es den Frack, den Cut und all die anderen Formen des Gesellschaftsanzuges, die heute nahezu oder komplett in Vergessenheit geraten sind.
Auch die Knopfleiste beim Smoking unterlag stetig Änderungen. Zunächst wurde das Hemd mit offener Knopfleiste getragen. Damals benutzte man externe Knöpfe, also solche, die nicht mit dem Hemd verwoben waren. Später kam die verdeckte Knopfleiste auf. Diese hat sich heute als Standard bei Smokinghemden durchgesetzt, obwohl es immer noch Anhänger der einzelnen Knöpfe gibt. Auch – und hier kommen wir zum Ausgangspunkt der Diskussion bei Twitter – ist es vorstellbar, eine ganz normale offene Knopfleiste zu verwenden. Wenn sich das Hemd sowieso ständig dem Geschmack anpaßt und der Smoking auf diese Weise wiederentdeckt wird – warum nicht?
Die einzige Chance, die der Smoking nämlich überhaupt noch hat, liegt nämlich darin, ihn moderner zu machen. Wenn Traditionalisten fälschlicherweise glauben, der Smoking habe schon immer festen Regeln unterlegen und dürfe sich dem modernen Geschmack nicht anpassen, dann wird es ihm so gehen wie dem Frack, dem Cut und all den ganzen anderen schönen Kleidungsstücken, die wir heute nirgendwo mehr sehen.
Wenn es aber gelingt, den Smoking modern zu interpretieren und ihn zu einem auch bei jüngeren Menschen akzeptierten Kleidungsstück zu machen, dann können wir auch Details wie Knopfleisten dem Zeitgeist anpassen – und wem es gefällt, der wird mit Umlegekragen, verdeckter Knopfleiste und einfacher Manschette niemals deswegen schief angeguckt.
21. Juni, 2011

Gefällt mir nicht: Verschwörungstheorien und Bahnfahren
In Stuttgart haben also anscheinend Demonstranten einen Polizisten krankenhausreif geprügelt. Der Diskussion um den Bahnhofsbau fügt diese Ausschreitung nichts hinzu. Die Argumente gegen den Bahnhof werden durch so eine Tat nicht abgewertet, genausowenig wie ein durch einen Wasserwerfer verletzter Demonstrant auch nur ein Argument pro Neubau wegnimmt.
Dennoch werden diese Vorfälle selbstverständlich äußerst bewegt diskutiert. Natürlich – denn es geht um Menschenleben und körperliche Schäden, das kann man wunderbar als Argument gegen die Gegenseite benutzen.
Das Dumme an der Situation ist natürlich nur, daß nun auf beiden Seiten Gewalt angewandt wurde. Wie das eben in solchen Situationen häufig vorkommt. Sobald sich Menschen in großer Menge mit starken gegensätzlichen Überzeugungen emotional aufgewühlt gegenüberstehen, passiert es eben leicht, daß einzelne Menschen durchdrehen. Und andere mitreißen.
Was mich allerdings wirklich ärgert, sind die Reaktionen, die ich heute morgen auf Twitter verfolgen durfte: Es war nicht so, daß nun Gegner des Bahnhofsprojektes dafür ausgesprochen hätten, den Polizisten im Krankenhaus zu besuchen; es gab keine Forderungen nach harten Strafen gegen die Verursacher.
Sondern es wurden die blödesten Verschwörungstheorien herumgeworfen, nach der alten Weisheit „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Wenn die Befürworter der eigenen Meinung Scheiße bauen, dann hat man das hinzunehmen. Vielleicht kann man der Gegenseite zeigen, daß man selbst menschlich bleibt und Bedauern ausdrücken.
Aber blind (und ohne auch nur den Hauch einer Logik) zu behaupten, der Polizist sei von Regierungsbeamten ins Krankenhaus geprügelt worden, das ist so dermaßen geschmacklos, daß ich das Kotzen kriege.
20. Juni, 2011

Nicht griechisch, aber zur Lösung gewisser Probleme auch gut geeignet
In Griechenland gehen die Menschen auf die Straße und demonstrieren. Gegen die Regierung, gegen die EU, gegen alles Mögliche. Aber warum eigentlich? Wieso protestieren die Menschen mit großer Empörung gegen eine Regierung, die sie jahrzehntelang selbst wählten? Die den Wählern stets das versprochen hat, was sie haben wollten? Wieso empört sich der Bürger darüber, daß das Land pleite ist, wenn er noch nie zuvor daran gedacht hat, daß das reine Verteilen von Geld irgendwann einmal in eine Krise führen könnte?
Jedem Menschen ist für seinen eigenen Haushalt klar: Ich muß das Geld, das ich ausgebe, auch verdienen. Ich muß es nicht unbedingt bereits verdient haben, manche Anschaffungen lassen sich durchaus mit der Spekulation darauf finanzieren, daß es in Zukunft etwas besser geht. Aber da wird jeder Privatmann schon vorsichtig. Schulden machen ist in begrenztem Rahmen in Ordnung, aber wir alle bekommen schon ein ungutes Gefühl, wenn die Schulden einen bestimmten Prozentsatz unseres Einkommens überschreitet.
Was also treibt die Menschen dazu, in der Politik fest daran zu glauben, daß man das Geld nur mit beiden Händen zum Fenster rausschmeißen müsse, damit es allen irgendwie gut geht? Wieso werden aus Menschen, die intelligent sind, bei politischen Entscheidungen auf einmal Kinder, die ihre Welt mit möglichst einfachen Erklärungen und klaren Feindbildern sehen wollen? Menschen, die in ihrem Jobs jeden Tag schwierige Entscheidungen fällen müssen, antworten bei der simplen Frage, ob man beispielsweise das Budget für Sozialleistungen oder doch eher Bildung kürzen solle mit: „Keins von beiden! Man muß beides erhöhen!” Von einem Kind erwarte ich solche Antworten. „Welcher Deiner Freunde soll am Geburtstag neben dir sitzen?” – „Alle.” Von erwachsenen Menschen sollte ich doch erwarten dürfen, daß sie wissen, was priorisieren bedeutet. Und wenn dann gefragt wird, wer das bezahlen soll? „Die Reichen.”
Die Reichen sind übrigens IMMER die anderen. Oder würde es Ihnen einfallen, sich als reich zu bezeichnen? Obwohl jeder, der das hier liest, im Schnitt der Weltbevölkerung zu den Superreichen zählt? Und die meisten Leser dieses Blogs vermutlich auch noch innerhalb Deutschlands zu den obersten 15% dieses äußerst reichen Landes gehören (beginnt bei 40.000 Euro im Jahr. BRUTTO!)
Wenn man grundsätzlich immer nur die anderen Menschen in der Pflicht sieht, etwas zu tun, weil es ja immer nur die anderen sind, die das Geld haben, niemals man selbst, dann ist es natürlich auch kein Wunder, daß die einzige Forderung, die in Krisenzeiten aufkommt, die nach einer „Reichensteuer” ist. Schuld sind immer a) die Ausländer, b) die Banken oder c) die Reichen, aber niemals man selbst. Weder die verschuldeten Häuslebauer in den USA noch die Griechen, die sich daran gewöhnt hatten, daß nur der Staat es war, der Gehälter auszahlt.
In Griechenland scheinen nun Verschwörungstheorien nach Muster a) beliebt zu werden. Die Deutschen sind schuld. Und zwar derart, daß auch die zukünftigen und noch zu entscheidenden Rettungspakete bereits jetzt abgelehnt werden, weil die Deutschen sowieso nur Griechenland das Blut aussaugen wollen. Es ist also nicht nur egal, wie wir uns verhalten HABEN, sondern auch, wie wir uns verhalten WERDEN.
Aber so sind eben die einfachen Erklärungen, wenn es wichtiger ist, jemanden zu finden, der schuldig ist, als eine Lösung für ein sehr großes und schwieriges Problem.