Ausgehend von einer Diskussion, die ich gerade auf Twitter mit @oschn führte, möchte ich kurz meine Gedanken zum Thema Smoking niederschreiben.
Heutzutage gilt der Smoking als entbehrliches Kleidungsstück, weil er für die meisten Anlässe zu formal erscheint. Und es stimmt ja auch: Wozu benötigt man heutzutage überhaupt noch einen? Auf den meisten Bällen reicht ein dunkelblauer Anzug – und auf Opernpremieren sehe ich heutzutage häufig sogar Menschen in Jeans.
Viele Leute scheinen zu glauben, daß der Smoking äußerst starre Richtlinien bezüglich Hemd, Kragen, Farbe und anderen Ausstattungsmalen hat. Und viele dieser Vorstellungen sind einfach falsch. Ein Smoking hat beispielsweise nicht zwingend schwarz zu sein. In dunklem Blau wirkt er gerade noch eine Spur eleganter, da ein solches nachts viel eleganter und sogar schwärzer aussieht als ein echtes Schwarz. Klingt komisch? Schauen Sie sich das ruhig auf einer entsprechenden Veranstaltung einmal an.
Auch die Kragenform ist keineswegs starr: Während es früher üblich war, zum Smoking einen normalen Umlegekragen zu tragen, weil der Kläppchen- oder Vatermörderkragen ausschließlich dem Frack vorbehalten war, so hat sich heute diese Sichtweise überholt. Da es den Frack so nahezu gar nicht mehr gibt, ist die elegantere Kragenform zusammen mit dem Smoking nicht nur eine gangbare, sondern in meinen Augen sogar bessere Form. Denn wenn der Smoking in den Rang eines Fracks aufgestiegen ist – warum ihn dann nicht auch mit dem elegantesten Hemdkragen verbinden, den es gibt?
Wir dürfen nicht vergessen: Ursprünglich war dieses in unseren Augen schon fast ZU elegante Kleidungsstück etwas, das man gerade mal beim Essen im familiären Rahmen trug, sonst aber nie. Dazu gab es den Frack, den Cut und all die anderen Formen des Gesellschaftsanzuges, die heute nahezu oder komplett in Vergessenheit geraten sind.
Auch die Knopfleiste beim Smoking unterlag stetig Änderungen. Zunächst wurde das Hemd mit offener Knopfleiste getragen. Damals benutzte man externe Knöpfe, also solche, die nicht mit dem Hemd verwoben waren. Später kam die verdeckte Knopfleiste auf. Diese hat sich heute als Standard bei Smokinghemden durchgesetzt, obwohl es immer noch Anhänger der einzelnen Knöpfe gibt. Auch – und hier kommen wir zum Ausgangspunkt der Diskussion bei Twitter – ist es vorstellbar, eine ganz normale offene Knopfleiste zu verwenden. Wenn sich das Hemd sowieso ständig dem Geschmack anpaßt und der Smoking auf diese Weise wiederentdeckt wird – warum nicht?
Die einzige Chance, die der Smoking nämlich überhaupt noch hat, liegt nämlich darin, ihn moderner zu machen. Wenn Traditionalisten fälschlicherweise glauben, der Smoking habe schon immer festen Regeln unterlegen und dürfe sich dem modernen Geschmack nicht anpassen, dann wird es ihm so gehen wie dem Frack, dem Cut und all den ganzen anderen schönen Kleidungsstücken, die wir heute nirgendwo mehr sehen.
Wenn es aber gelingt, den Smoking modern zu interpretieren und ihn zu einem auch bei jüngeren Menschen akzeptierten Kleidungsstück zu machen, dann können wir auch Details wie Knopfleisten dem Zeitgeist anpassen – und wem es gefällt, der wird mit Umlegekragen, verdeckter Knopfleiste und einfacher Manschette niemals deswegen schief angeguckt.

21. Juni, 2011 at 17:26
Ich bin in dieser Hinsicht offenbar Traditionalist. Aus Gründen.
Denn ich beobachte regelmäßig zu viele individuelle, verunglückte Versuche, den Smoking “moderner” zu machen. Das sieht dann so aus, dass Menschen zu Bällen im verregneten Hamburg weiße Dinnerjackets tragen (die Karibikkreuzfahrten und ähnlichen Gelegenheiten unter südlicher Sonne, auf jeden Fall aber outdoor) vorbehalten sein sollten. Manchmal mit Rüschenhemden und rosa Fliege.
Tut mir leid, aber ich kann auf solche modischen Entgleisungen gut verzichten.
Zugegeben, der schwarze – oder von mir aus auch dunkelblaue – Smoking, der Raum für Variationen allenfalls in Nuancen zulässt, wirkt ein wenig uniform, aber gerade darin sehe ich seine Stärke. Im Smoking ist man quasi Gleicher unter Gleichen. Die einheitliche Form der Abendgarderobe lässt keine Rückschlüsse auf soziale Herkunft oder Status zu.
Und ich bin auch nicht der Ansicht, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von der äußeren Form abhängig ist. Machen wir uns doch nichts vor: Ein nicht geringer Teil der männlichen Bevölkerung unter – na sagen wir mal – vierzig Jahren besitzt nicht einmal einen passenden dunklen Straßenanzug, sondern läuft bei gesellschaftlichen Anlässen im aus der Form und der Mode geratenen Hochzeitsanzug auf. Denen zu erklären, dass man für unter 400 Euro schon einen passablen “Tuxedo” von der Stange bekommt, wird selbst dann wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben, wenn man im gleichen Zuge erklärte, sie dürften auch ein Rüschenhemd und eine rosa Fliege dazu tragen.
Nebenbei gab es in den 80er und 90er Jahren bereits modische Varianten, die sich – glücklicherweise – nicht durchgesetzt haben. Ich selber besaß seinerzeit einen zweireihigen Smoking mit kurzer Jacke und weit geschnittener Hose. Sowas war damals angesagt. Sah rückblickend betrachtet fürchterlich aus, zumal es diese Anzüge auch in den Farben Petrol, Aubergine usw. gab (auch das war damals modern). Glücklicherweise ist aus einer kurzfristigen Modeerscheinung keine dauerhafter Tragevariante geworden.
Ich möchte jedem nur empfehlen, sich einfach James Bond als Stil-Ikone zu wählen. Der war – egal mit welchem Darsteller und in welcher Epoche – mit dem klassischen einreihigen Dinner Jacket mit Schalkragen zu jeder Zeit perfekt gekleidet.
Jm2c
O.
21. Juni, 2011 at 17:30
Wie ich ja im Artikel schon schrieb: Es gibt keine echte „traditionelle” Form, weil der Smoking sich eben stets gewandelt hat. Sie selbst sagten doch, daß Sie die Variante mit verdeckter Knopfleiste bevorzugten, obwohl früher eben beim Smoking die gesteckten Knöpfe üblich waren.
Es gibt modische Entgleisungen – ja. Eine nicht-verdeckte Knopfleiste gehört meines Erachtens nicht dazu. Und bezüglich Schalkragen: Klassisch wäre der Smoking doch mit Spitzrevers. Also haben Sie auch da schon Zugeständnisse an den sich ändernden Geschmack gemacht.
Und bezüglich James Bond möchte ich Ihnen von Herzen zustimmen – kann es aber nicht. Was da in den 80ern an mißglückten Aufzügen zu sehen war… James Bond mit Digitaluhr, James Bond mit viel zu kurzer Krawatte, … (aber im Prinzip haben Sie natürlich vollkommen recht)
21. Juni, 2011 at 18:19
Die modischen Entgleisungen von Agent 007 in den 70ern waren aber sicherlich nicht der Smoking. Der war, soweit ich mich entsinnen kann, immer traditionell (bei Roger Moore häufig mit weißem Dinner Jacket).
Und ansonsten glaube ich nicht, dass Smoking, Frack oder Cut des Aussehens wegen verschwunden sind, sondern mangels Gelegenheit, den kleinen oder großen Gesellschaftsanzug zu tragen. Wenn man nicht gerade zur Verleihung des Verdienstordens beim Bundespräsidenten eingeladen ist (der übrigens auf dem offiziellen Pressebild einen Frack trägt). ;)
Und last but not least war die gehobene Art des Anzugs schon immer besseren Kreisen vorbehalten. In Zeiten fortschreitender Sozialisierung ist es eben so, dass nicht nur die oberen Zehntausend in die Oper oder ins Spielcasino gehen, sondern Jedermann. Und der kommt eben auch in Jeans und mit geliehener Krawatte hinein.
21. Juni, 2011 at 18:41
Leider hat auch James Bond ab und an stilistische Sünden begangen. Denken Sie nur an das Kurzarmhemd in „Feuerball”. Das war grässlich. Aber auch beim Smoking gings mal daneben: http://bondclothes.blogspot.com/search/label/Licence%20to%20Kill
(Ich hab aber auch erst suchen müssen, von selbst bin ich nicht drauf gekommen)
Natürlich ist es so, daß mehr Leute zu gehobenen Veranstaltungen gehen und daher die Gaderobe immer schlechter wird. Es ist nur so schade, daß sich die Menschen damit auch ein gewisses feierliches Gefühl nehmen. Ich kann ja verstehen, daß man gerne in Jeans herumläuft, wenn man ansonsten den ganzen Tag im Anzug steckt, aber heutzutage gibt es ja sogar Menschen, die nicht nur keinen Smoking, sondern noch nicht einmal einen Anzug besitzen.
Dennoch – der Anzug feiert immer wieder ein Revival. Weil er eben stets neu interpretiert wird. Das können wir gut oder schlecht finden – aber nur, wenn H&M und Konsorten einen (modernen) Smoking im Sortiment haben und bewerben, wird es auch eine nachwachsende Generation von Smokingträgern geben.
Und wie gesagt: Sie selbst bevorzugen ja auch schon das eine oder andere „moderne” Detail am Smoking, das es nicht gegeben hätte, hätte man den Smoking nicht immer wieder neu erfunden.
Mein Smoking ist übrigens auch eine „modische” Variante: Zwar schwarz und mit Weste, aber mit normalem, abfallenden Revers, also wie bei einem Anzug. Beim Hemd mag ich den Vatermörderkragen, da ich keinen Frack besitze. Ich möchte demnächst auch einen neuen Smoking schneidern lassen, den aber dann mit Spitzkragen, in dunklem Blau und mit Kummerbund statt Weste. Dennoch gefällt mir auch die moderne Variante nicht schlecht.
21. Juni, 2011 at 22:27
Auch wenn man das jetzt vermutlich wunderbar diskutieren kann – es gibt auch noch einen Gesellschaftsanzug für Unteroffiziere und Offiziere der Bundeswehr. Zumal dieser das Prinzip “Gleicher unter Gleichen” aufhebt, denn hier gehören (gestickte) Schulterstücke und ggf. Orden ebenfalls zur Ausstattung.
22. Juni, 2011 at 10:03
Ich halte auch nichts davon, daß diese Kleidungsstücke „gleich” aussehen sollen. Sie sollen gegenüber dem Kleid der Frau zurückstehen und farblich neutral sein, das ist klar. Aber eine Uniform sollte meines Erachtens stets uniformer aussehen als ein ziviles Kleidungsstück.
22. Juni, 2011 at 13:39
Tipp: Ins Restaurant Haerlin im Vier Jahreszeiten kann man (abends) guten Gewissens mit Smoking gehen, ohne sich overdressed zu fühlen.
22. Juni, 2011 at 13:47
Aber nur als Kellner… letztes Mal, als ich da war, waren die Gäste zwar insgesamt recht gut gekleidet, aber doch meist im Anzug oder Blazer.
Wobei der Laden natürlich dennoch vorbehaltlos zu empfehlen ist.
21. Juli, 2011 at 13:01
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
verzeihen Sie mir meine verspätete Antwort auf diesem doch recht erfrischenden Blog von Herrn Germanpsycho.
Persönlich finde ich es sehr schade das Cuts (Gehröcke), Frack zum Teil auch Smokings aus dem Alltagsleben verschwinden. Das heißt Sie werden nur zu besonderen Anlässen getragen. Oder es gibt Tragepflicht für besondere Berufsgruppen. In meiner jetzigen Firma sind wir alle leger Gekleidet. Somit würde ich overdressed erscheinen.
Zu meinem persönlichen Glück hatte ich einen Herrenschneider in meiner Familie, dem ich viele Massenzüge verdanke. Nichts geht über solch ein Tragekomfort. Am liebsten trage ich aber trotzdem mein Gehrock. Der von meiner Frau des öfteren nicht mehr toleriert wird und nicht als Zeitgemäß beschimpft wird. Deshalb besitze ich noch einige leichte Abwandlungen also Cuts. Ich bevorzuge auch sehr starke Krawatten Farben. die entweder auf die Kleider Farben meiner Frau abgeglichen sind oder stimmig zu Hemd und Anzug passen. Persönlich mag ich keine Karos, Streifen oder sonstige Abstrusen Verzierungen auf jener welcher.
Da ich auch in Zukunft, nicht auf Maßarbeit verzichten wollte kann ich eine Empfehlung für Herrn Matthias http://aull.de/ aussprechen. Bitte sehen Sie das nicht als Werbung an.
Leider muss ich meine Ausführung hier beenden.
Blackkind (kindblack)
12. September, 2011 at 21:05
Jetzt ist schon Mitte September!
Wie wäre denn das folgende Thema:
“Anzüge die beim Reisen wirklich nicht knittern”
Ansonsten habe ich kürzlich einen grauen Armani-Anzug mit 20% Seide erstanden. Da es sich um ein Pinpoint-Gewebe handelt, wirkt er auch gar nicht zuhältermäßig. Leider hat das Sakko gar keinen Rückenschlitz. Verwunderlich – Armani Collezioni ohne Schlitze…
24. September, 2011 at 20:41
blackberry oder iphone? irgendwelche vorschläge?
4. Oktober, 2011 at 17:04
Ja, hier, RWI, das ist mir ja völlig entgangen, daß Sie kommentierten. Verzeihung.
Ich habe auch zwei aus der AC-Reihe ohne Rückenschlitz. In der Tat halte ich ja eigentlich zwei Rückenschlitze für die einzig richtige Art, ein Anzugssakko zu schneidern. Der einzelne Schlitz sieht häufig richtig blöde aus (obwohl ich auch einen Anzug habe, der ordentlich damit aussieht).
Jedenfalls sind es in der Tat immer wieder die Anzüge von AC, die ich gern auf Reisen mitnehme, weil sie weniger knittern als alle anderen, die ich so habe. Nur: Warum weiß ich nicht.
Und bzgl. Blackberry: Hab ich nur einmal benutzt. Für mich persönlich isses nix. Aber das hängt wohl vom Anwendungsfall ab.
11. Oktober, 2011 at 14:28
Sagen Sie mal, leben Sie denn noch???
30. Oktober, 2011 at 18:18
jetzt schon fast November!
8. November, 2011 at 11:09
Ja. Aber jetzt wieder :)