In Stuttgart haben also anscheinend Demonstranten einen Polizisten krankenhausreif geprügelt. Der Diskussion um den Bahnhofsbau fügt diese Ausschreitung nichts hinzu. Die Argumente gegen den Bahnhof werden durch so eine Tat nicht abgewertet, genausowenig wie ein durch einen Wasserwerfer verletzter Demonstrant auch nur ein Argument pro Neubau wegnimmt.
Dennoch werden diese Vorfälle selbstverständlich äußerst bewegt diskutiert. Natürlich – denn es geht um Menschenleben und körperliche Schäden, das kann man wunderbar als Argument gegen die Gegenseite benutzen.
Das Dumme an der Situation ist natürlich nur, daß nun auf beiden Seiten Gewalt angewandt wurde. Wie das eben in solchen Situationen häufig vorkommt. Sobald sich Menschen in großer Menge mit starken gegensätzlichen Überzeugungen emotional aufgewühlt gegenüberstehen, passiert es eben leicht, daß einzelne Menschen durchdrehen. Und andere mitreißen.
Was mich allerdings wirklich ärgert, sind die Reaktionen, die ich heute morgen auf Twitter verfolgen durfte: Es war nicht so, daß nun Gegner des Bahnhofsprojektes dafür ausgesprochen hätten, den Polizisten im Krankenhaus zu besuchen; es gab keine Forderungen nach harten Strafen gegen die Verursacher.
Sondern es wurden die blödesten Verschwörungstheorien herumgeworfen, nach der alten Weisheit „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Wenn die Befürworter der eigenen Meinung Scheiße bauen, dann hat man das hinzunehmen. Vielleicht kann man der Gegenseite zeigen, daß man selbst menschlich bleibt und Bedauern ausdrücken.
Aber blind (und ohne auch nur den Hauch einer Logik) zu behaupten, der Polizist sei von Regierungsbeamten ins Krankenhaus geprügelt worden, das ist so dermaßen geschmacklos, daß ich das Kotzen kriege.

21. Juni, 2011 at 20:11
In der Tagesschau heißt es auf einmal der Polizist hätte noch munter in seinem Auto telefoniert und wäre gänzlich unverletzt.
Ich glaube da weiß keiner so recht was da passiert ist. Solange aber einer im Krankenhaus liegt und nachweislich schwere Verletzungen hat, frage ich mich wieviele unterschiedlichen Meinungen man haben kann? (Gut, im Ernstfall wahrscheinlich genau so viele wie Demonstranten vor Ort waren..)
22. Juni, 2011 at 04:49
Sehr geehrter Herr German Psycho,
als treuer Leser ihres Blogs möchte ich ihnen noch eine andere Sichtweise der Dinge näher bringen.
Es gab bei der Besetzung der Baustelle zwei nennenswerte Zwischenfälle.
Das war zum einen der Knallkörper hier im Video zu sehen: http://youtu.be/19K-jOr9fJg
Komischerweise dann doch ein ganzer Stück weg von der Polizei. Hier nochmal von der anderen Seite des Zauns: http://youtu.be/LW7-0Yw3IK0
Der andere Zwischenfall war der “krankenhausreife” Zivilpolizist. Auch hier aufschlussreiche Videos.
http://youtu.be/a95XOs328BQ
Das zweite Video beginnt in etwa an der Stelle wo das erste Video endet.
http://youtu.be/H8dNzYPCaac
Das Bild ist kurz nach dem Ende des zweiten Videos entstanden.
http://a10.idata.over-blog.com/500×375/4/29/00/92/Blockaden/Schwerverletzt01.jpg
Dieses Video zeigt den Polizisten bei seiner Behandlung im Krankentransportwagen nach seiner “Festnahme” durch die Polizei.
http://www.twitvid.com/AYW3K
Wo er die “schwere Kopf- und Gesichtsverletzungen” davongetragen haben soll ist mir dabei äußerst unklar.
Mit freundlichen Grüßen
Mentos
22. Juni, 2011 at 10:26
Selbstverständlich ist es wichtig, die Aussagen der Polizei stets kritisch zu hinterfragen. Sollte es in der Tat so sein, daß aus einem leicht verletzten Polizisten aus Propagandagründen ein krankenhausreif geprügelter Polizist wurde, ist das ein Riesenskandal und gehört entsprechend aufgeklärt.
Nur: Die Videos selbst sind – auch wenn man das intuitiv glauben mag – zunächst noch kein Beweis. Ich sehe dort einen Polizisten (bezeichnenderweise beginnt das Video erst so spät, daß es die Aussage, er sei ein Provokateur gewesen, nicht untermauert, aber es suggeriert eben, daß es das tue), der in der Tat ziemlich heftig angegangen wird, als er durch die Menschenmenge gehen will. Daß er anschließend (?) im Auto saß, ist mithilfe des Videos auch nicht bewiesen. Für mich als Außenstehenden ist es noch nicht einmal erkennbar, ob es sich um denselben Polizisten gehandelt hat, um den es in der Erklärung geht.
Wie auch immer: Sie haben natürlich in einem Punkt völlig recht: Wenn es Zweifel am Tathergang gibt, dann sind diese völlig legitim.
Ein fader Nachgeschmack bleibt aber, wenn ich Tweets lese wie (ausm Kopf zitiert)
„Selbst wenn, es gibt ein Selbstverteidigungsrecht gegen Bullen. Bullen!”
22. Juni, 2011 at 12:16
Ich sehe auch die Videos nicht als Beweis, sondern nur als Indizien. Ich bin auch der Meinung, das der Titel des Videos falsch gewählt ist.
Es scheint in der Bewegung eine Tendenz zu geben das man TATSÄCHLICH glaubt das Aggressionen GRUNDSÄTZLICH von Agent Provocateurs ausgehen.
Das Problem ist nur das die Berichterstattung im Prinzip jetzt ja schon gelaufen ist. Sollte tatsächlich die Polizei im nach hinein die Schwere der Verletzung nach unten korrigieren, wird das ein ungleich kleineres Medienecho hervor rufen.
Die Tweets sind natürlich durch nichts zu entschuldigen.
22. Juni, 2011 at 12:20
Das glaube ich gar nicht. Ich glaube, daß das Medienecho gewaltig sein wird, wenn der Polizist auch nur geheilt aus dem Krankenhaus entlassen wird „war ja alles nicht so schlimm” – naja, ist auch unsinnig, es wird beide Sichtweisen geben.
Was als positiv zu vermerken ist: Es kann die Polizei jedenfalls keine falschen Behauptungen mehr aufstellen, weil überall Kameras sind. Und zwar keine staatlich regulierten…
Wie auch immer: Ich bin gespannt, wie die Lage jetzt wirklich war. Und ich muß zugeben: Bis dahin ist es wohl keineswegs geschmacklos, darüber zu diskutieren. Da muß ich meinem eigenen Beitrag ein wenig widersprechen. (Unabhängig von diesen Idiotentweets wie dem zitierten).