** 34. Eintrag **
„Den Wagen müßte ich auch mal wieder waschen lassen,” denke ich mir, während ich am Bahnhof stehe und die Menschenmassen betrachte, die sich quälend langsam in den Tempel der Pendler hinein und aus ihm heraus bewegen. Es ist kalt geworden. Als ich das erste Mal über den Plan nachdachte, war es kalt. Jetzt ist es wieder kalt. Aber ich habe die Zeit genutzt. Kein Detail habe ich vergessen. Kein dummer Zufall kann mich scheitern lassen.
Aber heute ist es noch nicht so weit. Heute gehe ich alles noch einmal durch, folge allen notwendigen Schritten, die den Erfolg sichern werden. Wann kommt sie an? Natürlich. Wie immer. 18:35h. Zum Glück kann ich mich in Hamburg auf den S-Bahn-Fahrplan verlassen. Wohin geht sie? Auch heute wieder zunächst zum Bäcker. Dann zu McDonald’s, einen Milchshake kaufen. Dann durch den Park nach Hause. Ich gucke auf die Uhr. Nachdem ich ihre Routine nun fast täglich überprüft habe, stelle ich fest, daß sie fast immer zwischen 19:00h und 19:05h den Park betritt. Zur Sicherheit erweitere ich das Zeitfenster um weitere 15 Minuten. Genug Zeit, um mögliche Abweichungen zu kompensieren.
Ich steige aus. Gehe ein paar Schritte in ihre Richtung, überprüfe mein Schrittempo, ihres. Das der Passanten. Wieviele Menschen sind außer uns noch hier? Auch heute wieder: nur wenige. Und der Park ist wie immer menschenleer.
Vom Park aus sind es genau 3 Minuten zur nächsten S-Bahn. Ich weiß, wo die Kameras stehen. Ich weiß, wie ich mich bewegen muß, um ohne aufzufallen mein Gesicht nicht zu zeigen. Morgen ist es soweit. Morgen werde ich meine Ex töten. Und niemand wird mich dafür zur Rechenschaft ziehen können.
** ENDE DES 34. EINTRAGES**
Heute ist es soweit. Ich habe gestern überprüft, daß ich mit den gewonnenen Kenntnissen den Mord durchziehen und ungesehen entkommen kann. Ich steige in meinen Wagen, um zum Bahnhof zu fahren. Ich drehe den Schlüssel herum – nichts passiert. Nochmal! Nichts. Der Wagen tut keinen Mucks. Wieso? Es bringt nichts, darüber zu philosphieren. Ein Marder vielleicht? Vermutlich. Oder ich habe das Licht angelassen? Es hilft nichts. Der Wagen ist nicht essentiell. Ich kann mir ja einfach ein Taxi rufen. Aber halt – speichern Taxen nicht die Fahrten? Das ist definitiv zu gefährlich.
Ich gucke mich um. Überall um mich herum stehen Autos am Straßenrand geparkt. In jedes dieser Fahrzeuge wird gleich ein überarbeiteter Mensch einsteigen. Nach Hause fahren. Nahezu alle denkbaren Routen führen am Bahnhof vorbei.
„Per Anhalter? Das kann ich doch nicht machen. Wenn mich jemand sieht?” denke ich vor mich hin, als ich die Reihe der parkenden Fahrzeuge ansehe. Andererseits: Wie sonst soll ich ihr hinterherfahren? Wie sonst kann ich meinen Plan umsetzen? Den Plan, an dem ich jetzt schon seit Monaten feile? Mich würde schon niemand wiedererkennen, zu sehr habe ich mich den hiesigen Kleidungsvorlieben angepaßt.
Ich sehe eine dralle Blondine in ihr Golf Cabriolet steigen. „Nein,” denke ich mir, „die wird bestimmt versuchen, mit mir zu flirten. Und dann erinnert sie sich doch.” Ein dicker Schmock mit Brille an seinem Kombi – nee, der stinkt sicher. Aber dann fällt mir der Audi auf, in den gerade ein gutgekleideter Geschäftsmann einsteigt. Der hat sicherlich so viel zu tun, daß er keine Sekunde mehr daran denken wird, wen er wohl mitgenommen hat. Ich spreche ihn an, frage ihn, ob er mich ein paar Meter mitnehmen könne, nur bis zum nächsten Bahnhof. Er guckt mich irritiert an. Dann lächelt er, hält mir die Tür auf. Ich gucke ihn mir näher an: Er trägt einen offensichtlich maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug, ein hellblaues Hemd, eine äußerst geschmackvolle Hermès-Krawatte und passendes Einstecktuch. „Ist das ein Kurzarmhemd, das Sie tragen?” fragt er mich, und ich wundere mich kurz, daß er mich siezt, das tut hier doch sonst keiner.
Ich steige ein.
** ENDE DES LETZTEN EINTRAGS **

22. Dezember, 2011 at 22:31
hachz. da sind sie ja weder!
erfreulich.
22. Dezember, 2011 at 22:37
Hat ein büschn gedauert, was?
22. Dezember, 2011 at 22:41
Großartiger Text!
22. Dezember, 2011 at 22:44
Finden Sie? Danke, Mann. Nach so langer Zeit muß ich erstmal wieder reinkommen.
22. Dezember, 2011 at 22:48
Ich hab halt das übliche Gemetzel erwartet. Aber das Ende hat mich umgehauen, ernsthaft. Kopfkino, ganz große Kunst.
22. Dezember, 2011 at 22:49
Das war ja auch die Intention. Eigentlich auch vor allem für genau diejenigen, die genauso gelangweilt von meinem Geschreibe waren wie ich.
22. Dezember, 2011 at 23:53
Chapeau!
Nur schade, dass es nun evidenterweise keine Fortsetzung mehr geben kann … ;)
23. Dezember, 2011 at 01:07
Och. Morde aus der Sicht der verdienten Opfer? Ich seh da Potential.
23. Dezember, 2011 at 13:16
Wobei nun halt auch die Pointe schon benutzt wurde durch mich. Oh, dabei wird durch mich erkannt, daß eine Phase der Passivformulierungen von mir favorisiert wird.
23. Dezember, 2011 at 20:51
Daß Sie an gewissen Dingen einen Mordsspaß haben, glaube ich Ihnen sofort und unbesehen. Aber daß Sie sich auf die Pünktlichkeit der Hamburger S-Bahn verlassen …? Hahaha, das glaubt Ihnen niemand.
23. Dezember, 2011 at 21:49
Nur: tu ICH das?
24. Dezember, 2011 at 10:51
Werden sie jetzt (wenn auch zufällig) zum Menschenfreund?
26. Dezember, 2011 at 23:40
End-lich.
Sehr schön aber, wie Sie mit dem Außendienstler-Audi und der herrlich süffisanten Beobachtung einer “äußerst geschmackvolle[n] Hermès-Krawatte” den Fahrer als aufstiegsorientierte und auch offensichtlich hoffnungslos in seiner middle-class verhaftete Figur illustrieren.
27. Dezember, 2011 at 18:47
Also, Audis sind schon zuverlässige Autos, wie Sie es schön schildern.
Als ich neulich am Taxistand auf Fahrgäste wartete, beobachtete ich einen Mann, der vergeblich versuchte, seinen Nicht-Audi anzulassen und es nicht schaffte. Er sah sich um und mich an und ich habe gehofft, dass er mir eine Fahrt verschafft. Aber er schrieb stattdessen etwas in ein Notizbuch und sah sich weiter um. Er ließ sich dann von einem Audi-Fahrer mitnehmen.
Tolles Auto, möchte ich auch haben, dachte ich mir, dann würde ich meinen Fahrgästen auch beim Einsteigen helfen, wie es der Fahrer tat. Aber diesem Schmock im Kurzarmhemd hätte ich, wenn ich so fein wie der Fahrer gekleidet gewesen wäre, nicht die Tür aufgehalten.
Dumm nur, dass der Mann sein Notizbuch auf dem Weg zum Audi verloren hat. Ich sah es, habe es aufgehoben und rannte dem Auto hinterher. Aber er war schon weg. Zum Glück habe ich mir das Kennzeichen gemerkt.
Jetzt muss ich das Notizbuch und die Autonummer in der Zentrale abgeben und ein Protokoll ausfüllen, vielleicht bin ich neugierig und werf’ auch einen Blick rein. Wartezeit habe ich ja genug und ausserdem steht der Nicht-Audi immer noch da.
Mit einem Audi wäre das dem Mann bestimmt nicht passiert. Und ich hätte jetzt keinen Streß wegen dem Notizbuch.
28. Dezember, 2011 at 22:02
Endlich kam auch ich dazu, Ihren Text zu lesen. Anfangs war ich doch irritiert. Ex-Freundin. Was für ein Mainstream-Grund für einen Mord. Aber mein Weiterlesen wurde belohnt. Herrlich!
Ende. Keine Pointe. Kein Audi-Bashing. Nix.
Ich bin zufrieden. Danke.
29. Dezember, 2011 at 10:19
Sehr geehrter Herr GP,
ob das Kurzarmhemd für eine milde Strafe wegen zeitweiser Unzurechnungsfähigkeit ausreicht?
Was für Schuhe trägt man eigentlich beim Mord an der Ex?
Schön, dass Sie wieder da sind.
Mit freundlichem Gruss,RWI
29. Dezember, 2011 at 23:23
Werter Herr Psycho,
das hab ich aber sehr, sehr gern gelesen. Herzlichen Dank.
Freundlichst,
das alles.
7. Januar, 2012 at 10:32
Werter Herr GP,
nie wurde die Maderplage an Bahnhöfen stimmiger und pointierter auf charakterisiert als in Ihrer Novelle.
MfG, woegman
18. Januar, 2012 at 13:56
Ich musste herzlich lachen, das Ende ist großartig. Schön Sie in alter form zu sehen, Herr GP. Da schaut man ja auch gerne wieder öfters vorbei.
19. Januar, 2012 at 16:30
Ich freu mich übrigens grad voll, daß Ihnen die Story gefallen hat, meine Herren. Soviel kann ich zugeben.
25. Januar, 2012 at 13:54
Lieber Herr GP,
hat ja ein bißchen gedauert… bis auch ich endlich diese gelungene Beendigung Ihrer Schreibpause fand! Es hat großen Spaß gemacht, den Text zu lesen. Danke! Ich freue mich auf mehr.
Herzlichst, die cHHrissi