Und? So schlimm?

Und? So schlimm?

„Wer bei der Landung klatscht, kriegt von mir eine geklatscht”. Oder auch als Antwort auf die Frage, wo denn überhaupt noch geklatscht werde: „Auf allen Charterflügen. Ich plädiere hier schon seit längerem für die Wiedereinführung der Todesstrafe für solche Deppen.”

Natürlich – wir kosmopolitischen Vielflieger ärgern uns immer darüber, wenn einfache Menschen ™ einfach nicht begreifen, was für ein unsinniges Ritual sie da vollführen. Klatschen im Flugzeug (verzeihung! Im FLIEGER!) ist ja unsinnig, schließlich klatscht man beim Busfahrer auch nicht. So oder ähnlich lese ich es häufig in Foren, auf Facebook, auf Twitter.

Dieselben Menschen, die sich darüber beömmeln, wenn andere Menschen einem Piloten Lob zollen – oder auch ihrer Erleichterung über eine geglückte Landung Ausdruck verleihen – finden aber nichts Anstößiges daran, nach einem Theaterstück oder einer Oper den Akteuren Applaus zu geben. Obwohl ja nun auch die Künstler letztlich nur ihre Arbeit tun. Genauso wie der Busfahrer oder der Pilot.

Warum also regen sich so viele Vielflieger über das Klatschen auf? Meine Vermutung: Das Klatschen an sich stört sie gar nicht. Sie wollen nur zeigen, daß sie selbst weit über den Pauschaltouristen stehen, daß sie das Fliegen als eine völlig normale Sache ansehen, die eben nichts anderes ist als das Busfahren.

Es geht nicht darum, den anderen den Applaus abzugewöhnen, sondern darum, sich selbst als etwas besseres darzustellen. Eine wirkliche Begründung dafür, warum es so falsch sein soll, finde ich jedenfalls nicht. „Man macht das nicht.”

Der Applaus nach einer Landung jedenfalls ist Ausdruck der Wertschätzung, daß der Pilot und die Crew die Passagiere sicher an ihren Bestimmungsort (für Vielflieger: DESTINATION) gebracht haben. Gegen diese Wertschätzung dürfte die Besatzung eigentlich nichts haben. Im Gegenteil: Wie oft kommt es denn vor, daß jemand für seine Arbeit belobigt wird? Ärgern wir uns nicht alle darüber, wie selten unser Chef oder unsere Kunden nach getaner Arbeit sagen: „Mensch, Junge, das ham Sie gut gemacht?” Ist es nicht eigentlich eine ganz wunderbare Geste, wenn ich Anerkennung für eine Leistung zeige, die ich selbst zu erbringen gar nicht in der Lage bin?

Nein – denn viel wichtiger ist es ja, cool zu sein. Zu zeigen, wie wenig einem das Fliegen nahegeht. Wie abgebrüht locker man so etwas wegsteckt. Und vor allem: Wie wenig Flugangst man selbst hat, selbst wenn das überhaupt nicht stimmt.

Abgebrüht, cool, teilnahmslos. Da paßt es nicht ins Konzept, wenn andere Menschen begeistert sind, weil sie vielleicht gar nicht so oft in ein Flugzeug steigen. Weil Flugangst etwas ist, das sehr verbreitet ist – wir Menschen mögen es nun nmal nicht, wenn wir keine Chance haben, im Notfall selbst etwas zu tun. Und auch das betont lässig Nichtklatschen nimmt niemandem seine Flugangst.

Dieselben Menschen, die sich so überlegen fühlen, wenn sie nicht klatschen, werden vermutlich auch über diejenigen lachen, die ihre Anzugsweste bis zum untersten Knopf schließen. Denn das macht man ja nicht. Und? Warum nicht? Weil irgendein alter und fetter Engländer vor hundert Jahren seinem Bauch etwas mehr Freiraum gönnen wollte und alle Speichellecker es ihm gleichtaten? Oder einfach aus demselben Grund, warum das Klatschen nach der Landung so verpönt ist? Derjenige, der sich darüber amüsiert, möchte vor allem betonen, daß er im Besitz von Wissen ist, das der andere nicht hat. Und deswegen lacht er den anderen aus.

Unangenehm wird es, wenn einer dieser Leute dann gefragt wird: „Warum sollte ich den untersten Knopf der Weste nicht schließen? Sie paßt mir doch gut, und es sieht viel angezogener aus?” Und als Antwort kommt dann nur: „Das macht man nicht.”

Je länger ich mich mit Westen beschäftige, umso mehr komme ich zu dem Schluß, daß es gar nicht so eindeutig ist, ob die Weste ganz zugeknöpft besser oder schlechter aussieht. Alle Begründungen, warum der unterste Knopf offenbleiben sollte, sind jedenfalls nicht mehr besonders logisch: Weder tragen wir heutzutage noch zwei Westen übereinander, noch sind die Westen so lang, wie sie es früher waren. Der geschlossene Knopf muß nicht unbedingt dafür sorgen, daß die Weste beim Sitzen knittert.

Beide Beispiele, das Klatschen und der Westenknopf, zeigen recht deutlich einen sehr unschönen menschlichen Charakterzug: Daß es uns wichtig ist, auf andere herabzublicken und sie lächerlich zu machen, weil wir etwas wissen, daß sie nicht wissen. Peinlich wird es nur, wenn sich dieses Wissen darauf beschränkt, etwas grundlos abzulehnen.

Falls Sie sich fragen, wann ich selbstkritisch auf das Thema Kurzarmhemden zu sprechen komme: Gar nicht. Denn so etwas trägt man einfach nicht.

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