Die Flagge
Ein zentraler Satz, den ich oft zum Thema Nationalstolz höre, ist dieser: „Ich kann doch nur auf etwas stolz sein, das ich selbst geleistet habe“. Beziehungsweise umgekehrt: „Ich kann doch nicht auf etwas stolz sein, für das ich nichts kann.“
Nun – Sie kennen mich. Nationalstolz ist mir in der Tat fremd. Mich stört es nicht, Deutscher zu sein. Im Gegenteil, ich bin äußerst dankbar, daß ich hier geboren wurde. Und nicht in einem Bürgerkriegsland in der 3. Welt. Aber ich habe keine emotionale Bindung an mein Land.
Aber! dieser Satz stört mich. Nie habe ich mitbekommen, daß ihm widersprochen wurde. Daher möchte ich das gerne tun:
1. Kann man wirklich nicht auf etwas stolz sein, das man nicht selbst erreicht hat?
Fangen wir beim Lokalpatriotismus an. Aber gut, das Beispiel ist zu einfach. Nehmen wir stattdessen Kinder. Welche Eltern sind nicht stolz, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter etwas Besonderes erreicht? Wer ist nicht stolz, wenn das Kind vor allem eine eigenständige Leistung erbringt?
Oder die eigene Firma – natürlich entwickelt nicht jeder Mitarbeiter Software oder baut Maschinen. Dennoch haben auch häufig Angestellte in Management und Verwaltung einen gewissen Stolz auf die hohe Produkt- oder Servicequalität ihrer Firma.
Stolz auf etwas, das andere tun, können wir also durchaus sein.
2. Können wir nichts „für Deutschland“?
Die Frage ist ja, wie sich dieses Land definiert. Im Zweifel: Durch die Bürger, die in ihm leben. Wir alle tragen also unseren kleinen Teil dazu bei, das Deutschland das ist, was es ist. Wenn wir mit dem Ergebnis grundsätzlich zufrieden sind (was wir sein könnten, aber meist nicht sind), dann können wir darauf stolz sein, dazu beigetragen zu haben, daß das heutige Deutschland ein weltoffenes, freies und freundliches Land ist, das sich darum bemüht, möglichst wenig zu diskriminieren und dessen Bürger einen starken Wunsch nach Gerechtigkeit und Hilfe dem Schwachen gegenüber ausgeprägt haben.
Wenn also jemand „stolz auf Deutschland“ ist, dann zeigt er damit nicht grundsätzlich einen dumpfen Nationalismus; es kann eben auch ein sehr durchdachter, positiver Stolz sein.
Nationalstolz werte generell andere Länder ab, möchte man mir an der Stelle entgegenschreien – und ich sage: JA! Das ist richtig! Ein positiver Nationalstolz wertet allerdings keine ANDEREN Länder ab. Er vergleicht nicht Deutschland mit Polen, Frankreich oder England. Sondern er vergleicht das heutige Deutschland mit dem früheren. Daraus einen Stolz zu beziehen, an dem wir alle mitgewirkt haben, ist ein Nationalstolz, der auch in der Linken kein Naserümpfen erzeugen sollte.
29. Juni, 2012 at 11:46
Ich bin ganz und gar Ihrer Meinung. Manchmal würde ich Sie gerne heiraten wollen, stünden da nicht zwei Frauen im Weg. (Dieser Kommentar passt so gut wie unter jeden Ihrer Artikel.)
29. Juni, 2012 at 11:47
Das kann ich so unterschreiben!
Es hat nichts mit Stolz sondern mit Bewußtsein zu tun.
Wobei ich noch anmerke, wenn eine Nationalmannschaft für ihr Land antritt, es quasi VERtritt, dann darf sie m.E. auch gerne die Nationalhymne mitsingen.
Denn auch dies hätte ein Bewußtsein gespiegelt.
29. Juni, 2012 at 12:41
Gut geschrieben. Unterschreib ich!
30. Juni, 2012 at 21:41
Die Deutschen haben viele Gründe auf eigenes Land stolz zu sein, die hier aufzuzählen hätte meine Tastatur ruiniert. Viele haben jedoch Angst als Nationalist abgestempelt zu werden, da die Welt Deutschland immer noch mit wachsamem Auge betrachtet! Jahrzehnte nach dem Unheil des zweiten Weltkrieges leben viele immer noch unter dem Schatten des Nationalsozialismus als wären sie schuldig dafür was die Großväter und Väter angerichtet haben. Ich als Ausländer, der in Deutschland lebt sage klar und deutlich…nach so vielen Jahren soll endlich Schluss damit sein. Deutschen, ihr habt kein Grund euch für eigenes Land zu schämen! Höre nicht auf die Schwachköpfe aus der Politik oder der Gesellschaft, die mit bösen Erinnerungen pokern um Euch im Schach zu halten!
1. Juli, 2012 at 13:02
Du bist ja tatsächlich ein Psycho.
Deine Analysen fokussieren sich nämlich zurecht auf psychologische Wertungen und dergleichen.
Es geht immer um pauschale Wertungen, mit denen Ideologen ihr Weltbild retten und zurechtzimmern. Das ist im Feminismus so und auch im negativen Nationalismus, wie er für pathologisch linke Menschen üblich ist.
Heutzutage muß man in unserem Lande vor allem auch linke Pathologien hinterfragen, nicht nur rechte.
1. Juli, 2012 at 22:18
[...] eben einen Schlussstrich drunter ziehen könnte. Das heißt nicht, dass auch Deutsche nicht einen gesunden Nationalstolz an den Tag legen dürfen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit kann gern auch als [...]
2. Juli, 2012 at 10:06
Barthes, es ist nicht die Welt, die kritisch auf Deutschland blickt. Es sind vor allem die Deutschen selbst, die (berechtigterweise) Sorge vor nationalistischen Tendenzen haben. Das ist eben so, wenn im eigenen Land eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit begangen wurde.
Daher plädiere ich auch dafür, daß man nicht locker „einen Schlußstrich“ zieht. Im Gegenteil. Lernen sollte jeder Mensch aus der Geschichte. Ich glaube auch, daß es uns gut ansteht, wenn wir weiterhin sorgsam darauf achten, daß die Haltung „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ nicht wieder en vogue wird (Ansätze dazu sieht man leider durchaus).
Und ich glaube eben auch, daß ein guter Patriotismus, der eben (wie oben beschrieben) das heutige mit dem gestrigen Deutschland vergleicht und Stolz darauf ist, wie wir uns entwickelt haben, Nationalismus eher verhindert als fördert.