Hätt sonst aber auch den Bond spielen können

Hätt sonst aber auch den Bond spielen können

„Die Demokratie geht unter“ – wie wir ja wissen, geht mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ja nichts mehr ohne die komplette Apokalypse. Entweder geht gleich die gesamte Menschheit vor die Hunde, vielleicht auch der ganze Planet oder gar das Universum, mindestens aber die Demokratie.

Warum aber geht sie unter? Weil Julian Assange, Hacker und Schöngeist, nach Schweden ausgeliefert werden soll. Aber der Reihe nach:

Julian Assange ist per definition einer von den Guten. Denn er hat irgendwie den bösen Amis ans Bein gepißt, und dann ist es letztlich auch egal, ob nun die Methoden angemessen waren oder nicht. Möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht diskutieren.

Nun soll der gute Mann aber auch noch – in der spärlichen Freizeit zwischen Weltretten und dem Anbieten von Turbo-Pascal-Schulungen – eine Frau vergewaltigt haben. Daher sollte er nach Schweden ausgeliefert werden, wo ihn ein Gerichtsverfahren erwartete.

Assange aber flieht in die Botschaft von Ecuador. Sie wissen schon: Das immerhin 18.reichste Land Südamerikas. Also das Land, das einem wirklich als erstes einfällt, wenn es um die internationale Durchsetzung von Recht und Gesetz geht.

Assange entzieht sich also widerrechtlich dem Rechtsstaatssystem. Es paßt zu seiner Persönlichkeit; hat er sich doch stets als über den Gesetzen stehend angesehen. Er verletzt seine Auflagen, die ihm überhaupt ermöglichten, in Freiheit statt im Gefängnis auf den Prozeß zu warten. Es liegt ein rechtsgültiger Haftbefehl gegen ihn vor.

Auf Deutsch: Spätestens jetzt ist er ein Krimineller.

Großbritannien hat nun entschieden, Assange von der Botschaft aus kein freies Geleit zuzusichern, sondern ihn verhaften lassen wird, sobald er wieder englischen Boden betritt.

Und daher geht nämlich jetzt die Demokratie unter, wie ich auf Twitter und Facebook lesen durfte.

Denn in den Augen seiner Anhänger ist Assange erwiesenermaßen unschuldig. Begründung: Es sei ja ein abgekartetes Spiel der USA.

Das Blöde an dieser verdammten Welt ist aber das Folgende: Selbst wenn Assange ein strahelnder Held der Aufklärung war und ist, hat das keinerlei Bezug zu diesem Prozeß. Er kann der tollste und netteste Aufklärer sein – und DENNOCH ein Vergewaltiger. Es kann gut sein, daß sich einige Politiker sehr freuen, daß es zu diesem Prozeß kommen wird. Aber das hat keinerlei Auswirkungen auf die Beweislage. Ob er es ist oder nicht, haben nämlich genau NICHT irgendwelche Aktivisten oder Politiker zu entscheiden. Sondern die Justiz.

Bei Schweden, und das mag einige IKEA-Kunden überraschen, handelt es sich um einen demokratischen Rechtsstaat mit unabhängigen Gerichten. Schweden ist so ungefähr das letzte Land der Welt, vor dem man Angst haben müßte. Es ist auch eines der am wenigsten korrupten Länder der Welt

Verschwörungstheorien, die darauf abzielen, daß eine Gerichtsverhandlung abgekartet sei, sind eben nur das: der Versuch, einen Helden vor allen Vorwürfen in Schutz zu nehmen – und zwar unabhängig davon, ob an jenen etwas dran ist oder nicht. Das Traurige an der ganzen Geschichte: Diejenigen, die nun so vehement pro Assange streiten, vergessen dabei eines: Sie könnten sich irren. Das Vergewaltigungsopfer könnte tatsächlich vergewaltigt worden sein. Wir wissen, was das bedeutet: Schmerzen, Scham, Trauma. Eventuell ein ganzes Leben versaut.

Aber für die Assange-Freunde muß das Vergewaltigungsopfer eben auch mal ohne Prozeß in kauf genommen werden, wenn es um das Große Ganze geht.

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