Becketts Kopf

Becketts Kopf

Irgendwie erscheint es mir heutzutage opportun, ein Projekt am Laufen zu haben. Zu ausgegrenzt fühlte ich mich, wenn mir meine sämtlichen Bekannten von ihren Projekten erzählten und ich zugeben mußte, keines zu haben. Von Hobbys darf ich ja nicht mehr sprechen, das wäre ja so, als klebte ich mir einen Aufkleber „Spießer“ auf die Stirn.

Aber wenn ich mein Hobby „Projekt“ nenne, dann bin ich wieder wer! 

Also nenne ich es: „In jeder Stadt eine Lieblingsbar“-Projekt. Ich lasse mir einige Termine in verschiedenen Städten der Republik ausmachen und recherchiere im Netz nach guten Adressen.

Den Anfang macht die viel gelobte Bar „Becketts Kopf“ in Berlin. Als wir eintreffen, sind wir sofort recht angetan: Eine angenehme Atmosphäre (zumindest für die Raucher unter uns), stilvoller Tresen, ordentlich angezogene Barkeeper. Ein bißchen komme ich mir vor wie in einem amerikanischen Gangsterfilm – und das ist eigentlich das Beste, was eine Bar leisten kann.

Mein erster Drink ist ein trockener Martini. Die mit mir anwesenden Damen gucken etwas verloren in die Karte, die fast ausschließlich aus typischen „Männercocktails“ besteht. Der Kellner erweist sich hier nicht als guter Gastgeber. Er macht keinerlei Anstalten, Empfehlungen auszusprechen – und das, obwohl die Bar wirklich noch nicht besonders voll ist.

Mein Martini schmeckt hervorragend. Sehr positiv bemerke ich, daß keine Olive im Glas liegt, sondern eine Zitronenzeste. Das Glas selbst könnte etwas besser gekühlt sein, aber immerhin ist das Getränk kalt – und es liegt kein Eis im Glas.

Zu späterer Stunde, die Geschmacksnerven vom Alkohol schon leicht beeinträchtigt, verlangt es meinen Gaumen nach einem „Perfect Martini“. Ein Getränk, das sehr viele Barkeeper abzulehnen scheinen – was ich allerdings nicht nachvollziehen kann: Die Mischung aus trockenem und süßem Wermut verleiht dem Drink zwar einen sehr intensiven, wenn vielleicht auch nicht besonders vielschichtigen Geschmack. Durch die Süße schmeckt er weniger hart, was nach dem dritten Cocktail und entsprechend anders funktionierenden Geschmacksrezeptoren durchaus angenehm sein kann.

Der Kellner mustert mich etwas abfällig, empfiehlt mir stattdessen einen Bronx, preist dessen Vorzüge an und geht schmollend in Richtung Bar, als ich darum bitte, mir doch meinen Wunsch zu erfüllen. Ich sage ihm das durchaus freundlich, weil ich sein Ansinnen ja im Prinzip verstehe.

Einige Minuten später kommt er wieder an den Tisch, empfiehlt eine weitere Alternative. Ich bleibe freundlich, registriere bei mir allerdings auch eine leichte Verärgerung – ich weiß, was ich bestelle, ich habe zur Kenntnis genommen, daß ihm mein Wunsch nicht gefällt; aber am Ende bezahle ich in einer Bar hohe Preise für Getränke und erwarte, daß auch ein „blöder“ Wunsch erfüllt wird – sofern die Zutaten vorhanden sind.

Wiederum einige Minuten später erhalte ich die dritte Alternative genannt. Ich bestehe wiederum auf meinem Wunsch, bereite mich aber innerlich bereits darauf vor, die Bar anschließend zu verlassen. Richtig wäre es natürlich gewesen, hätte ich in diesem Moment um die Rechnung gebeten.

Zur Ehrenrettung des Becketts Kopf möchte ich aber noch anmerken, daß auch der „Perfect Martini“ mir sehr gut gefiel. Die Barleute hinterm Tresen verstehen eben durchaus etwas von ihrem Handwerk.

Nur bei ihrer Rolle als Gastgeber ist noch etwas, wie wir Berater sagen, „Wachstumspotential“.

In den kommenden Beiträgen werde ich mich dem „Shepheards“ in Köln, dem „Biancalani“ in Frankfurt und dem „Le Lion“ in Hamburg widmen.

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