In Hamburg gibt es eine große Menge an Cocktailbars. Das ist nun weder besonders neu noch irgendwie überraschend. Dennoch fehlte mir lange Jahre eine Bar, wie ich sie mir vorstellte: Ohne laute Musik, eher ruhig, stilvoll, nicht ständig übervoll. Keine der Bars, in denen ich Horden betrunkener Menschen feiern sehe – von diesen Bars gibt es viele, und je nach Laune finde ich mich auch ab und an in solchen wieder. Aber einen Ort, an dem das vornehme Trinken zelebriert wird? Eine Bar, in der es wirklich nur um den Genuß von Cocktails geht?
Irgendwann entdeckte ich dann durch Zufall das „Le Lion“ in der Rathausstrasse. Ich glaube, ich kam gerade vom Essen aus dem gegenüberliegenden Café Paris und hatte einige Stunden Zeit zwischen Essen und späterer Party totzuschlagen.
Mißtrauisch beäuge ich die Tür. Eine Klingel? Gibt es das außerhalb der Bordellszene überhaupt noch? Hat das Le Lion überhaupt schon geöffnet? Blamiere ich mich jetzt total, wenn ich läute und niemand aufmacht?
Ich treffe eine der besten Entscheidungen meines (Bar-)Lebens und drücke auf den Knopf.
Das Interieur haut mich um. Es sind nur wenige Gäste anwesend, verteilt auf kleine Sitzgruppen. Unaufdringliche Musik wird gespielt, ein sympathischer Herr nimmt mir die Garderobe ab und geleitet mich an die Bar. Die Bar ist dunkel, es stehen einige sehr ausgesuchte Spirituosen an der Wand, dahinter der große goldene Löwe. Die Welt außerhalb der Bar ist ausgeblendet. Genau so etwas habe ich gesucht. Hier sind keine lauten Selbstdarsteller, niemand, der Shaker durch die Luft wirbelt, keine freihändig abgemessenen Longdrinks mit Massen von Grenadine. Die Atmosphäre ist gedämpft, unaufgeregt, edel und diskret.
Die Karte spielt eigentlich keine große Rolle. In dieser Bar ist es wirklich vernünftig, dem Barkeeper seine Vorlieben mitzuteilen und die Getränkeauswahl in seine Hände zu legen. Sie werden nicht enttäuscht. Sie können sich hier über Spirituosen, Zubereitungstechniken und Bargeschichte unterhalten, sie finden hier Menschen, die Ihnen erklären, welches Tonic nun wirklich am besten zu welcher Ginsorte paßt – kurz: wenn es ums Trinken geht, sind Sie hier richtig.
Es gibt einige Dinge, die Sie im Le Lion nicht erwarten sollten: niedrige Preise. Guten Handyempfang. Cocktails mit unterschiedlichen Säften und Sirupen. Schirmchen im Cocktail. Aber egal, welche Art von Cocktailgeschmack Sie haben – man wird Ihnen hier etwas servieren, das Sie in jeder Hinsicht umhaut.
In Hamburg gibt es für mich keine zweite Bar, die auch nur ansatzweise an das Le Lion heranreicht. Aber lassen Sie sich warnen: Ein Abend dort ist teuer. Wirklich teuer. Und das liegt nicht (nur) daran, daß man stets ein, zwei Getränke mehr bestellt, als man ursprünglich vorhatte.
(Und nun hoffe ich, daß ich bei meinem nächsten Besuch eine Pulle Bollinger aufs Haus hingestellt bekomme.)
(Erwähnte ich, daß man dort Bollinger und Bollinger Rosé ausschenkt?)

13. Oktober, 2012 at 15:32
Sie sind hamburger ….? Well, if so, you are a little bit late to the party. Das Eberhards in Eppendorf spielt nahezu in der gleichen Klasse.
13. Oktober, 2012 at 21:09
Schade, dass HH so weit weg ist.
15. Oktober, 2012 at 10:22
Kingcole, das ist hier ja kein Wettbewerb. Wer zuerst welchen Laden entdeckt hat – ich bitte Sie, aus dem Alter sind wir raus. Und das Eberhards kenne ich nicht, werde ich mir aber gerne einmal ansehen.
Chiefjudy: Aus so vielen Gründen ist das richtig!
15. Oktober, 2012 at 12:03
Das Eberhards können Sie sich nicht mehr ansehen, da diese Lokalität bereits wieder geschlossen wurde. In den Räumlichkeiten befindet sich nun das Boilerman
15. Oktober, 2012 at 12:05
Dann spielt es wohl nicht mehr in der gleichen Klasse.
15. Oktober, 2012 at 15:16
Mist. Da waren wir so nah, und doch so fern. Schreit nach Wiederholung. Bis dahin werden wir uns wohl mit Schaumwein und Blick auf’s Meer begnügen.
Es könnte schlimmer sein…..
15. Oktober, 2012 at 18:49
Nein, dann spielt es wohl nicht mehr in der gleichen Klasse. Schade. @ Barfreund: wissen Sie, was Marcel Baumann jetzt macht? @ German Psycho: Sicherlich kein Wettbewerb, ich haette Sie dort nur laengstens als Stammgast vermutet, das Ding gibts ja nun schon ein paar Jaehrchen.
15. Oktober, 2012 at 20:28
Zugegebenermassen verlegte ich meinen ersten Besuch kurz nach der Eröffnung kurzerhand in die jetzige Zeit. Ich bitte, diesen Kunstgriff zu verzeihen.
15. Oktober, 2012 at 21:12
Aber selbstredend. Vermutlich praktizieren Sie ja gekonnt den Verzoegerungsgenuss. Und seit dem Marshmellow Experiment wissen wir ja, wie wichtig dieser Skill fuer die Persoenlichkeit ist.
15. Oktober, 2012 at 21:38
MarshmAllow …. Muss es natuerlich heissen … Trunkenheit am Steuer ist ja gesellschaftlich akzeptiert, aber Rechtschreibfehler sind in der deutschen Kultur unverzeihbar…
16. Oktober, 2012 at 09:06
@Kingcole: Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber laut diesem Artikel http://baumannsbarblog.blogspot.de/2012/08/auf-wiedersehen.html (ich hoffe Links sind dem Hausherren Recht), ist er unter marcel_baumann@web.de erreichbar.
16. Oktober, 2012 at 10:20
Selbstverständlich ist mir das recht, werter Barfreund, vor allem wenn es… äh… „der Wahrheitsfindung dient“.
16. Oktober, 2012 at 17:59
@ Barfreund: Herzlichen Dank. Das habe ich glatt ueberlesen auf BBB. Was soll man sagen, das Leben ist keine gerade Linie und der Kerl hat wohl die Eier das wieder hinzubekommen.