Lieber Kevin Barth,
Sie fühlen sich mittlerweile sicherlich unverhältnismäßig hart angegangen, oder? Sie finden, daß es jetzt doch langsam mal reichen müsse mit den Beschimpfungen von diesen ganzen Leuten, die Sie gar nicht kennen, oder?
Und wissen Sie was? Ich kann Sie persönlich wirklich gut verstehen. So ein Shitstorm ist eine unschöne Sache. Vielleicht glauben Sie ja auch, daß das alles so schlimm doch gar nicht sei. Sie haben sich ja immerhin entschuldigt. Wieso also hacken die alle weiterhin auf Ihnen rum? Wieso kann man mit den Leuten nicht reden? Wieso akzeptieren die nicht, daß Sie einfach mal daneben gegriffen haben?
Wie gesagt: Ich kann Sie verstehen. Es ist nicht leicht, wenn eine Meute auf einen stürzt und beleidigende Tweets schreibt. Was da nicht alles über Sie geschrieben wurde. Uralte Kamellen. Rechtschreibschwäche. Nazitum.
Und nun gucken wir mal auf Ihre Tweets! Wie gehen Sie mit Menschen um, die einen Fehler begingen und sich dafür entschuldigten? Zum Beispiel: Wulff. Herr Wulff hat sich nicht antisemitisch geäußert. Herr Wulff hat sich bestechen lassen. Finden Sie für Herrn Wulff ein paar nette, beruhigende Worte?
„solche Leute wie den #Wullf kann man nur an seinen Eiern aufhängen! Die Ratte ist auch noch BuPrä. Mir wird schwindelig! *Kotz*”
Oder über seine Transparenzversuche: „Es wird alles in Internet gestellt! Hey hr. #wulff hat piratige Züge an sich! Wie geil und scheinheilig! #Piraten”
Aber wenigstens diese dummen Witze, die man auf Ihre Kosten macht, die ja nichts mit der Sache direkt zu tun haben, die könnte man doch lassen, oder? Also ungefähr so wie bei Wulff? „Habe mein traumauto gefunden. Will mir jemand 10.000.- € #wulffen?”
Sie sehen, lieber Kevin Barth, es ist schon etwas anderes, wenn man nicht nur aus sicherer Entfernung auf andere schießt, sondern wenn man mal selbst im Zentrum eines solchen Shitstorms steht, oder?
Sie selbst haben vorgegeben, auf welche Weise politische Auseinandersetzungen zu laufen haben. Sie bekommen gerade zurück, was Sie verteilten. Das mag ungerecht sein, schließlich sind Sie mit 22 Jahren noch ein sehr junger Mann. Aber Sie traten auch an, die Politik zu ändern. Sie traten an, um Ihre Meinung öffentlich zu vertreten. Sie traten an für mehr Transparenz und mehr Freiheit.
Sie kennen den Streisand-Effekt? Sie lästerten über Internetsperren und Menschen, die versuchen, einmal Veröffentlichtes irgendwie aus dem Netz zu tilgen?
Aber als es um Sie persönlich ging, veränderten Sie zunächst eine Grafik, die Ihre politische Einordnung sehr genau zeigte. Sie löschten ein „Entschuldigungsschreiben”, das keines war, sondern ein Pamphlet, das zeigte, daß Sie kein bißchen verstanden hatten, warum ein Satz wie „ich finde den Juden an sich unsympathisch” klassisch antisemitisch ist.
Kurz: Sie taten all das, worüber Sie sich bei anderen Politikern aufregten.
Ich glaube nicht, daß Sie ein bösartiger Mensch sind. Vielmehr glaube ich, daß Sie wirklich davon überzeugt sind, daß Ihre Ansichten und Meinungen doch zu 100% korrekt seien und vielleicht falsch verstanden würden. Oder vom Gegner bewußt falsch aufgenommmen würden. Leider denken so die meisten Menschen. Niemand versteht, daß all unsere Entscheidungen und Überzeugungen mindestens zu 50% falsch sind. Die meisten Politiker gehen davon aus, daß jeder Gegner automatisch entweder dumm oder bösartig ist.
Daher suchen viele Politiker auch nach Möglichkeiten, den Gegner zu bekämpfen, anstatt zu verstehen, daß es bei allen Entscheidungen für die meisten Ansichten gute Gründe gibt. „Was kann man gegen FB User tun die rechte postings und Piraten verbinden? #Piraten #followerpower” – Sie wollten nicht über Inhalte diskutieren. Sie empfanden etwas als „rechts” und wollten dagegen vorgehen. Nun stellen wir aber fest, daß in der Tat Ihre persönliche, keineswegs bösartig gemeinte Einstellung eher rechts ist. Natürlich: Das wollen Sie nicht wahrhaben. Die von Ihnen veränderte Grafik (vorher und nachher), der gelöschte Tweet – sie alle aber belegen Ihre Überzeugung.
Nachdem so viele bösartige Kommentare über Sie geschrieben wurden, kann ich gut verstehen, daß Sie sich in die Ecke gedrängt fühlen. Aber vielleicht wäre es wirklich einmal an der Zeit, sich zurückzulehnen, sich selbst kritisch zu hinterfragen – und dann, in einigen Jahren, sich langsam wieder dem Thema Politik anzunähern.
Obwohl Sie sicherlich einen Comebackversuch eines Herrn zu Guttenberg seinerzeit heftigst abgelehnt hätten.
UPDATE:
Leider scheint der junge Mann nicht in der Lage zu sein, sein Denken und Handeln auch nur ein wenig kritisch zu hinterfragen:
“Jetzt kommt mal runter. Vorschlag nehmt euch ne dartscheibe und hängt mein Bild davor auf ;-)” schreibt er also auf Twitter, nachdem er gerade im ZDF bestätigte, daß sein Tweet kein Versehen war, sondern er wirklich, genuin, aus tiefster Überzeugung heraus Antisemit (und beratungsresistent) ist.
Kevin, Sie scheinen wirklich nicht zu verstehen, was Sie sind und was Sie anrichten. Sie sollten wirklich aufhören, sich selbst in Schutz zu nehmen – es IST so schlimm, wie Ihre Parteifreunde sagen.

