Welcher Idiot hat eigentlich entschieden, das Endspiel an einem Sonntag durchzuführen? Ich möchte gerne mal ein paar Zahlen über Produktionsausfälle erfahren. Meine Kollegen jedenfalls sehen alle ziemlich mitgenommen aus. Die Stimmung ist mies, aber keiner möchte sich etwas anmerken lassen. Daher verzichten wir alle weitestgehend auf Kommunikation. Ab und an ein Austausch leerer Worthülsen. „Scheiße, ne?” -„Kannste laut sagen.”

Es bleibt unausgesprochen, ist aber offensichtlich: Es ist die Art und Weise, wie die Niederlage zustande kam. Eine Mannschaft, die aufopferungsvoll kämpft und verliert – das ist ein Sommermärchen. Eine lahme Truppe hingegen, die zu keinem Zeitpunkt erkennen läßt, daß sie bereit ist, für den Erfolg, äh, nun ja, Blut, Schweiß und Tränen aufzuwenden, deren Körpersprache auf dem Platz aussagt: „Mama, der Spanier ist gemein zu mir, tu was”, die all das, was früher als „deutsche Tugenden” bezeichnet wurde, vermissen läßt, die hat es auch nicht verdient, mit großem Gedöns am Brandenburger Tor empfangen zu werden. Ich hoffe und glaube, daß die Heimkehrer merken, wie enttäuscht ihre Fans sind.

Ich gebe zu, ich mochte die Dramatik der WM. Ich habe auch so ein Faible für den tragischen Verlierer, der alles gegeben hat, aber am Ende nichts mehr ausrichten kann.

Und so war mir der dritte Platz (der vierte wäre auch gut gewesen) damals deutlich lieber als der Vizeeuropameister-Titel heute.

Dieses Mal war es wirklich nicht einfach, mit der Nationalmannschaft mitzufiebern. Bis auf wenige Minuten waren sie einfach nur schlecht. Ballack ist aus gutem Grund der ewige Zweite. Weil er seine Leistung nicht konstant abrufen kann. Lahm ist natürlich eine sehr tragische Figur, im Gegensatz zu den Witzfiguren Gomez und Kuranyi. Schweinsteiger hat nach dem Spiel geweint. Ich hoffe, über seine eigene Leistung.

Jedenfalls bin ich doch sehr froh, wenn ich aus diesem Team in zwei Jahren nicht mehr allzuviele Gesichter wiedersehen muß. Was nützt ein toller Spieler, wenn er nicht konstant ist? Warum muß man bei jedem Spiel zittern, welches Gesicht die Jungs diesmal zeigen?

Leider war es diesmal das Gesicht, das wir schon gegen Kroatien sehen mußten.

P.S.
Ganz vergessen: Das spanische Spiel war so herrlich anzusehen, daß alles andere als ein Sieg sowieso eine Frechheit gewesen wäre.

Ich fahre ja nun wirklich nicht gerne mit dem ÖPNV. Das habe ich, glaube ich, auch schon ein paar Mal kundgetan. Heute aber tue ich es schon wieder. Ich beruhige mich selbst mit den Worten „es wird schon nicht so schlimm.”

Auf der Hinfahrt klappt auch alles bestens. Die S-Bahn ist halbwegs pünktlich und vor dem Blankeneser Bahnhof wartet auch brav ein Taxi auf mich. Ich erledige also meine diversen Vorhaben in Blankenese und finde mich kurze Zeit wieder in der S-Bahn in Richtung Heimat.

Und dann steigen sie ein. Ein Haufen bereits völlig betrunkener Fitneßassis, über und über mit Schwarz-Rot-Gold eingedeckt, laut „Deutschland, Deutschland” brüllend. Als keiner der Insassen mit dem ihrer Meinung nach gebührenden Enthusiamsus reagiert, werden sie böse. „Seid Ihr keine Deutschen?” Mit Blick auf den schwarzen Herrn neben mit: „Offensichtlich nicht.” Sie beratschlagen, ob sie in einen anderen Wagon umsteigen sollen und ich rate ihnen zu. Mit der nötigen Höflichkeit, damit die Sache nicht eskaliert. Aber natürlich fühlen sie sich sofort angegriffen, was letztlich irgendwie ja auch stimmt. Ob ich denn nicht bis zum, und das sagen sie wirklich so, Endsieg mitfiebere. Den habe schon mein Opa damals nicht bekommen, erwidere ich, und ernte Gelächter.

„Um 2045h wird zurückgeschossen,” plärrt einer der Dümmsten aus der Gruppe. Ich stehe auf und schiebe den Schwarzen mit hinaus. Mal den Wagen wechseln. Das könnte ansonsten unangenehm werden. In Altona spreche ich einen HVV-Mitarbeiter an, der aber ziemlich desinteressiert wirkt. Naja, er hat natürlich recht. In der S-Bahn kann ja gar nichts passieren.
Da sind ja überall Kameras.

Ich bin mit Ramses und der Weltregierung verabredet, eine kleine Begehung der Schanze. Entsprechend kleide ich mich: Unauffällig, dem uniformierten Schanzenlook angepaßt, ohne ihn direkt zu kopieren. Zu einer ausgewaschenen, engen 7-Jeans trage ich ein bordeauxfarbenes Zegna-Hemd sowie Deckschuhe von Sebago. Für meine Verhältnisse ziemlich Unterklasse, für die Schanze fast zu schick. Ein guter Kompromiss.

Die Schanze ist keine meiner Lieblingsgegenden in Hamburg. Zu konformistisch-nonkonformistisch sind die Menschen dort, zu sehr ist das Pseudo-Unangepaßte notwendig, um dazuzugehören. Aber ab und an ist es einfach sehr nett, sich mit den Übrigbleibseln der 68er und dem neu hinzugekommenen Möchtegernproletariat, bestehend aus Werbern und Kreativen, zu unterhalten.

Wir verfolgen das Fußballspiel nur am Rande, während wir uns durch die Kneipen saufen. Nachdem Spanien gewonnen hat, stehen wir vor der Roten Flora. 5 Euro Eintritt soll es heute kosten. Ich rede mit dem Kassierer. Warum denn nun selbst ein Laden wie dieser vor dem Kapital kapituliert habe. Seine Begründung stimmt mich ebenso hoffnungsvoll wie seinerzeit die Bourgeoisierung Josef Fischers: „Wir müssen ja schließlich Miete bezahlen.”
Eben. Und genau deswegen funktioniert letztlich auch der Kapitalismus so gut, auch wenn der kapuzentragende und mich recht offensichtlich hassende Kassierer das vehement bestreitet.

Ich stehe also, da ich keine Lust habe, mit meinem Eintrittsgeld einen Beitrag zum Sieg der kommunistischen Weltrevolution (oder aber der Miete) zu leisten, am Geländer vor dem Etablissement, den Sieg des Kapitalismus in tiefen Zügen einatmend. Eine dicke alte Frau spricht mich an. Sie ist erkennbar betrunken, faselt aber davon, daß sie es schlimm fände, wie die Fans der deutschen Nationalmannschaft ständig betrunken seien. Ich benutze ein paar Alt-68er Vokabeln und überzeuge sie davon, daß Nationalstolz im Fußball völlig in Ordnung ist. Sie zieht ab, sichtlich verwirrt, irgendwie auch verärgert.

Ich feiere meinen Sieg, indem ich mit einer nett anzuschauenden Grundschullehrerin herumflirte, bis ein alter Glatzkopf sie mir wegschnappt.

Man kann nicht immer gewinnen.

OK, meine Prognose war nicht besonders gut. Von weghauen konnte nicht die Rede sein, 3:1 wurde es auch nicht. Im Gegenteil: Die Türken spielten in der Tat so stark wie vorher berichtet wurde. Rüstü war keineswegs ein Totalausfall. Altintop spielte auf dem Niveau, das Ballack in anderen Spielen erreichte. Und Lehmann bewies wieder einmal, warum er nach seinem hoffentlich baldigem Abgang als der schlimmste Fliegenfänger und größte Fehlgriff in die Geschichte unserer Nationalmannschaft eingehen wird.

Aber genug des Motzens. Letztlich haben wir ein spannendes Spiel gesehen, in dem zwei ebenbürtige Teams aufeinandertrafen, zwar nicht schön, dafür aber umso kampfbetonter spielten. Und am Ende gewann Deutschland. Nicht unverdient, aber ein umgekehrtes Ergebnis hätte auch nicht überrascht.

Jetzt ist die Trophäe nur noch ein Spiel entfernt. Gegen Spanien hätte ich wenig Bedenken. Da konnten die Jungs ja gegen Portugal schon mal üben. Aber wenn es, was ich befürchte, gegen Rußland geht, dann wird das eine üble Zitterpartie.

Aber sie werden es schaffen. Allein schon deswegen, weil sie jetzt Deutschland wieder ein schönes Spiel schuldig sind.

Ich glaube ja, daß die türkische Manschaft momentan etwas künstlich aufgewertet wird. Natürlich ist bei einem Spiel auf dem Niveau einer EM niemals irgendein Gegner leicht zu bezwingen. Und ohne Lauferei und Konzentration geht das sicher nicht.

Aber die Türkei hat nicht besonders gut gespielt, viel Glück gehabt, das ich ihr aufgrund der tollen Truppenmoral auch absolut gegönnt habe, und muß auf einige ihrer wichtigsten Spieler verzichten.

Ich glaube, heute abend werden sie mit 3:1 Toren verlieren. Das „zu eins” fällt dann in der Nachspielzeit. Und auch das werde ich ihnen gönnen.

Und nun hoffe ich noch, daß der Schmusekurs der Boulevardzeitungen auch tatsächlich dazu beiträgt, daß nach dem Spiel Hamburg nicht komplett zerstört wird.

Und sollte die Türkei doch gegen uns gewinnen, drücke ich ihr anschließend die Daumen gegen Rußland.

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