Und über die Schuhe sag ich diesmal nix.

Und über die Schuhe sag ich diesmal nix.

Die Schanze war, wie Sie wissen, noch nie mein Lieblingsviertel. Seit gestern habe ich wieder überdeutlich gezeigt bekommen, warum das so ist.

Es ist früher Abend. Freitagabend. Das Wochenende beginnt, die Menschen bringen sich so langsam in Feierlaune. Vor dem Haus 73 hängen die ersten kleinen Grüppchen vor Bier und Joint. Ich treffe auf Cinema Noir, später auf Matt Wagner. Wir sind verabredet, um einem Konzert dreier Singer/Songwriter zu lauschen. Der wichtigste Grund ist natürlich der Auftritt der begnadeten Julia A. Noack (mehr Konzertberichte ebenfalls hier aufm Blog), die ihr neues Album vorstellt.

Julia hat sich ordentlich gedopt: Statt mit Grippe das Bett zu hüten, wie das jeder anständige Mensch gemacht hätte, schlürft sie tapfer an einem nicht besonders wohlschmeckend aussehendem Heißgetränk aus Kräutern. Angegriffen ist sie aber dennoch, so daß sie sich von den Veranstaltern einfach so ans Ende des Programms verbannen läßt. Die vor ihr spielenden Künstler haben den Heimvorteil und wissen wohl, was es bedeutet, nach 9 im Haus 73 zu spielen. Schon für diese Aktion verzichte ich darauf, ihre Namen zu nennen, zumal deren Musik auch nichts war, was ich auch nur ansatzweise zum Nachhören empfehlen möchte.

Kurz nach 9. Julia bereitet sich auf den Auftritt vor. Vor mir läuft ein Primtivling im grauen Pulli herum, dabei in sein (kabelgebundenes!) Headset plärrend, als wolle er die Entfernung zum Gesprächspartner ohne elektronische Unterstützung überbrücken. Da aber mittlerweile „Grizzly Girl” läuft, das ich einfach zu gerne mag, wird es mir zuviel. Mit einem kleinen Schubs in die Seite schicke ich ihn in Richtung Toiletten. Dazwischen befindet sich eine recht steile Treppe, die den Kampf mit seinem Genick gut hörbar gewinnt. Hinter Matt blöken einige Schanzenstudentinnen über die richtige Zubereitung von Latten. Oder Kaffees. So genau kann ich das über die Entfernung nicht verstehen. Ich nicke Matt zu, so langsam müßte er ja wissen, wie man sich solcher, ich sage mal „Menschen” entledigt.

Doch es ist eine Sisyphosarbeit, immer dann, wenn ich einem der angetrunkenen, stinkenden und sich selbst für das Zentrum der Welt haltenden, somit also absolut typischen Schanzenbewohner die Möglichkeit zur Wiedergeburt gebe, scheint direkt ein anderer nachzuwachsen.

Ich konzentriere mich ganz auf die Musik, aber man merkt auch der Künstlerin an, daß die überlauten Diskussionen über Gentrifizierung, Toleranz und Weltoffenheit, die man hier so führt, nicht spurlos an ihr vorbeigegangen sind. Spaß macht ihr das nicht mehr. Kein Wunder: Mit Grippe schleppt sie sich zum Konzert und wird belohnt durch ein Publikum, das schon alles gesehen hat, dem der Laden nach eigener Auffassung eh gehört, die so sehr zur Szene gehören, daß eine einfache Singer/Songwriterin mit Gitarre sie einfach nicht mehr hinterm Ofen – oder auch nur aus ihren Gesprächen – hervorholen kann.

Nein, die Schanze gefällt mir immer weniger. Bis natürlich auf Schmitz Foxy Foods, das den Abend dann letztlich doch irgendwie versöhnlich enden ließ. Und natürlich das neue Album 69.9 von Julia A. Noack, das ich zuhause noch vorm Einschlafen höre.

Das Mädchen mit der Gitarre

Das Mädchen mit der Gitarre

Daß Julia Noack eine großartige Künstlerin ist, hatte ich ja früher schon geschrieben.

Sie tourte im vergangenen Jahr durch die ganze Republik, aber ohne Zwischenstop in der schönsten Stadt der Welt, wie sich Hamburg bescheidenerweise ja gerne nennt. Gestern aber war sie mal wieder in der Gegend, streifte sich ihre Gitarre über und trat im „Mobile Blues Club” auf. Nun muß ich dazu sagen, daß ich diesen Club bisher nicht kannte, obwohl ich sicher schon etliche Male an ihm vorbeigelaufen bin: Es handelt sich um einen Bauwagen Ecke Schulterblatt / Max-Brauer-Allee. Entsprechend war das Publikum: Bereits bei meiner Ankunft blökte mir ein übelriechender, alter und dicker Mann seine Theorien über Handynutzung entgegen: „Rechts ans Ohr halten: Hodenkrebs, links Prostratakrebs.” Ich wähle die linke Seite, schon deswegen, weil Prostratakrebs irgendwie abstrakter klingt und somit weniger schlimm.

Dann erscheint in der Tür die Künstlerin, natürlich umwerfend aussehend wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie macht mich sofort auf ihre künstlerische Weiterentwicklung aufmerksam: Im Gegensatz zum letzten Jahr trägt sie heute ansehnliche Schuhe (sorry, verwackeltes Bild, ich war so aufgeregt).

Ihr Konzert umfaßt einige Lieder, die ich mittlerweile mitsingen könnte, wenn ich die Stimme dazu hätte und zu so einem Unsinn aufgelegt wäre, aber auch einige neue Stücke, die so klingen, als könnte die zweite Platte noch besser als die erste werden. Was übrigens schon schwierig wird, denn ihr Erstlingswerk gehört zu den ganz wenigen CDs, die ich komplett hören kann, ohne auch nur einmal auf den „Weiter”-Knopf zu drücken.

Pause. Matt und ich versuchen, uns zu unterhalten, werden aber ständig von einer Gruppe süddeutscher Bettler belästigt, die schon während des Konzertes nicht unbedingt durch geistreiche Bemerkungen („von dem Geld heid obend kannsch dir ja neu Unnäwäsch kauufe, Mädle”) auffielen und dafür jetzt wohl Bier ausgegeben bekommen wollen. Matt bleibt diplomatisch, ich nicht. Offensichtlich überschätzt der Schwabe meine Bereitschaft, sein Freund sein zu wollen, in einem dramatischen Maße. Erst als er kopfüber im Plumsklo steckt, aus seiner Halsschlagader der rote, rote Vino in die Seifenlösung tropt, seine Beine im Takt zu „Underwater Death” zappeln, erkennt er, daß er wohl doch meinem Vorschlag, eine andere Gruppe anzubetteln, hätte folgen sollen.

Seine letzten Sekunden bekomme ich nicht mehr mit, da das Konzert weitergeht, diesmal mit einer Country-Nummer, da möchte ich natürlich nichts verpassen.

Übermorgen tritt Julia übrigens in der Gertrudenkirche auf.

die Schuhe

Künstlerisch deutlich anspruchsvoller als im Vorjahr: die Schuhe

Die großartige Julia Noack ist in der Stadt, und zwar im Mobile-Blues-Club. Donnerstag abend – da kann ja wohl niemand etwas besseres vorhaben, als da hinzugehen.

Wir sehen uns dort.

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