Natürlich war die Überschrift nur als Platzhalter gedacht, Sie kennen mich ja, so etwas Blödes schriebe ich ja niemals in meinem Blog, aber nun hat sie sich wohl doch dort fest eingenistet, weil ich einfach zu unaufmerksam war.
Gestern aber las ich eine Diskussion auf Twitter, die mich nachdenklich machte. Es handelte sich um ein Thema, das für mein Befinden eigentlich nicht für eine emotionale Diskussion taugt: Der Bahnhofsbau zu Stuttgart. Ich persönlich hatte mir dazu noch keine richtige Meinung gebildet: Erstens bin ich kein Schwabe, es betrifft mich also nur sehr indirekt, ferner ist es eben der Bau eines Bahnhofs. Nicht unbedingt das, was ich als besonders spannendes Thema empfinde.
Aber anscheinend ist das eine Minderheitsmeinung. In der Tat scheint es im Netz ja zeitweise kein anderes Thema mehr zu geben. Erstaunlich für mich als Laien war zunächst einmal, daß die Mehrheit bei Twitter und in Blogs gegen den Bahnhofsbau eingestellt ist. Ich hatte ja naiverweise gedacht, daß die Mehrheit eigentlich dafür sei, den Güterverkehr mehr auf die Schiene zu verlegen, weil Bahn ist ja öko und so. Falsch gedacht! Jetzt könnte ich es mir als bekennender Freund des Individualverkehrs ja leicht machen und sagen, daß auch ich gegen den Neubau dieses oder jedes anderen Bahnhofs bin und wir einfach mehr Autobahnen brauchen, aber das wäre wohl auch nicht sehr zielführend.
Zwei Themen, die für mich besonders erschreckend waren, und die beide nichts mit dem grundsätzlichen Für oder Wider zu tun haben:
1. Meinungsdiktatur gegen Rechtssicherheit
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat. Über Demokratie wird häufig diskutiert. Über das Thema Rechtsstaat nicht. Dabei ist der Rechtsstaat eine wichtige Voraussetzung für Demokratie und Freiheit. Die demokratischsten Gesetze nützen nichts, wenn Bürger und Unternehmen sich nicht darauf verlassen können, daß diese eingehalten werden.
Wenn also ein Projekt durch die gesetzmäßig vorgeschriebenen Instanzen gegangen ist und irgendwann einmal tatsächlich rechtsverbindlich beschlossen wurde, dann ist der Prozeß der Meinungsbildung abgeschlossen. Definitiv.
Jetzt aber, zu einem Zeitpunkt, an dem das Projekt rechtverbindlich beschlossen ist, gehen die Menschen dagegen auf die Straße. Und verkennen, daß sie bei einem Erfolg ihrer Bemühungen einen zentralen Punkt der deutschen Verfassung aushebelten: die Rechtssicherheit. Unzhählige Unternehmen haben mit ihren Planungen begonnen, haben teilweise bereits Leistungen erbracht, haben den Bau des Bahnhofs in ihre Mitarbeiterplanung einbezogen. Einer der wesentlichen Eckpfeiler unseres wirtschaftlichen Erfolges ist ja der, daß sich Unternehmen hierzulande darauf verlassen können, daß Verträge eingehalten werden.
Die Ansicht, daß das Gesetze nur dann zu gelten haben, wenn sie einem in den Kram passen, hat mit dem Rechtsstaatsprinzip nichts zu tun. Es ist die Ansicht einer Meinungsdiktatur. Dieselben Menschen, die momentan in Stuttgart dafür demonstrieren, den Rechtsstaat für ein Projekt außer Kraft zu setzen, wollen sich dennoch darauf verlassen können, daß sie für ihre Arbeit bezahlt werden, daß sie auf Autobahnen nicht geblitzt werden, wenn sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten und daß sie nicht eingesperrt werden, wenn sie kein Gesetz übertreten.
2. Meinungshoheit gegen Meinungsfreiheit
Wenn sich zaghaft auf Twitter jemand zu Wort meldet, der nicht gegen den Bau des Bahnhofs ist, dann ist er sofort mit ziemlich heftigen Angriffen ausgesetzt. Polemische Wortspiele gegen den Bau sind in Ordnung und werden mit dem Fav-Sternchen versehen. Aber bei jedem Befürworter wird sofort „keine Ahnung, Fresse halten”, „so sind die Nazis an die Macht gekommen” oder „Stammtischniveau” gebrüllt. Die Frage, die sich jeder Mensch, der sich nicht als Antidemokrat sieht, stellen sollte, ist die: Wie gehe ich mit abweichenden Meinungen um?
Am allermeisten ist die demokratische Überzeugung gefordert, wenn man in der Mehrheit ist, oder sich zumindest in der Mehrheit fühlt. Wie gehe ich dann mit Menschen um, die das Gegenteil dessen glauben, was ich denke? Werde ich aufgrund politischer Differenzen persönlich? Versuche ich, mich nicht mit Argumenten auseinanderzusetzen, sondern lieber gleich mit der Person, wohl wissend, daß die Menge um mich herum sowieso ähnlich denkt wie ich?
Oder bin ich GERADE DANN, wenn ich die Mehrheitsmeinung hinter mir weiß, besonders vorsichtig bei Diskussionen mit Andersdenkenden? Um ihnen zu zeigen, daß ihre Meinung eben nicht weniger wert ist als die der Mehrheit?
Eine Menge von Twitterern gestern jedenfalls hat den Demokratietest nicht besonders gut bestanden.

