Leichen im Keller?

Leichen im Keller?

Die alte Frau mit Kind vor mir an der Kasse im Drogeriemarkt ist erschüttert: 34 Euro soll sie nun dafür bezahlen, daß sie all diese bunten Dinge aufs Band gelegt hat, die sie vorhin noch zu brauchen glaubte. „Wie kommt denn der Betrag zustande?” fragt sie dümmlich, obwohl jeder andere Kunde, und davon gibt es vor allem hinter ihr einige, allein an der Anzahl der bunten Kinderspeisetöpfe leicht errechnen kann, daß die Waren, die sie zu konsumieren oder ihrem Kind zur Nahrungsaufnahme zu überlassen gedenkt, sehr wohl nicht für einen Euro fuffzich zu haben sind.

Die trotz oder wegen ihrer Üppigkeit und ihres dümmlichen Gesichtsausdrucks hübsch anzusehende Kassiererin betet die einzelnen Positionen herunter. „In Zeiten wie diesen muß man einfach enger zusammenrücken,” fasele ich vor mich hin und rücke der alten Frau ziemlich dicht auf die Pelle, ohne genau zu wissen, wo der Zusammenhang besteht. Die Menge hinter mir guckt ziemlich verstört, aber ich vermag nicht zu erkennen, ob mein Satz, meine Handlung oder elendig lange Litanei über Babynahrungspreise dafür verantwortlich ist.

Als sie endlich fertig ist, bezahle ich mein Shampoo und zwei Energiesparlampen, die, wie ich später feststellen werde, nicht in das Gewinde meiner Lampen im Flur passen. Behenden Schrittes begebe ich mich zu meinem im absoluten Halteverbot geparkten Auto, reiße den obligatorischen Strafzettel herunter, überlege kurz, ob ich nun noch irgendetwas Teures einkaufen soll, damit die Ordnungswidrigkeit im Verhältnis günstiger wird, entscheide mich aber dagegen und fahre mit mäßig guter Laune in Richtung Elbchaussee. Ein Pinneberger (!) vor mir bemerkt ziemlich spät, daß er sich in die falsche Spur an der Ampel eingeordnet hat, obwohl beide geradeaus führen, hält mitten auf der Kreuzung an und versperrt mir und einigen anderen Verkehrsteilnehmern ein paar Minuten lang den Weg.

Zuhause. Ich gehe die Treppen herauf, mich mühsam beherrschend. Meine lästige Nachbarin kommt mir entgegen, möchte wohl wieder einen ihrer stundenlangen Monologe halten. Ich schneide ihr das Wort mitten im Satz ab.

Und ihren Kopf.

Das Mädchen mit der Gitarre

Das Mädchen mit der Gitarre

Daß Julia Noack eine großartige Künstlerin ist, hatte ich ja früher schon geschrieben.

Sie tourte im vergangenen Jahr durch die ganze Republik, aber ohne Zwischenstop in der schönsten Stadt der Welt, wie sich Hamburg bescheidenerweise ja gerne nennt. Gestern aber war sie mal wieder in der Gegend, streifte sich ihre Gitarre über und trat im „Mobile Blues Club” auf. Nun muß ich dazu sagen, daß ich diesen Club bisher nicht kannte, obwohl ich sicher schon etliche Male an ihm vorbeigelaufen bin: Es handelt sich um einen Bauwagen Ecke Schulterblatt / Max-Brauer-Allee. Entsprechend war das Publikum: Bereits bei meiner Ankunft blökte mir ein übelriechender, alter und dicker Mann seine Theorien über Handynutzung entgegen: „Rechts ans Ohr halten: Hodenkrebs, links Prostratakrebs.” Ich wähle die linke Seite, schon deswegen, weil Prostratakrebs irgendwie abstrakter klingt und somit weniger schlimm.

Dann erscheint in der Tür die Künstlerin, natürlich umwerfend aussehend wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie macht mich sofort auf ihre künstlerische Weiterentwicklung aufmerksam: Im Gegensatz zum letzten Jahr trägt sie heute ansehnliche Schuhe (sorry, verwackeltes Bild, ich war so aufgeregt).

Ihr Konzert umfaßt einige Lieder, die ich mittlerweile mitsingen könnte, wenn ich die Stimme dazu hätte und zu so einem Unsinn aufgelegt wäre, aber auch einige neue Stücke, die so klingen, als könnte die zweite Platte noch besser als die erste werden. Was übrigens schon schwierig wird, denn ihr Erstlingswerk gehört zu den ganz wenigen CDs, die ich komplett hören kann, ohne auch nur einmal auf den „Weiter”-Knopf zu drücken.

Pause. Matt und ich versuchen, uns zu unterhalten, werden aber ständig von einer Gruppe süddeutscher Bettler belästigt, die schon während des Konzertes nicht unbedingt durch geistreiche Bemerkungen („von dem Geld heid obend kannsch dir ja neu Unnäwäsch kauufe, Mädle”) auffielen und dafür jetzt wohl Bier ausgegeben bekommen wollen. Matt bleibt diplomatisch, ich nicht. Offensichtlich überschätzt der Schwabe meine Bereitschaft, sein Freund sein zu wollen, in einem dramatischen Maße. Erst als er kopfüber im Plumsklo steckt, aus seiner Halsschlagader der rote, rote Vino in die Seifenlösung tropt, seine Beine im Takt zu „Underwater Death” zappeln, erkennt er, daß er wohl doch meinem Vorschlag, eine andere Gruppe anzubetteln, hätte folgen sollen.

Seine letzten Sekunden bekomme ich nicht mehr mit, da das Konzert weitergeht, diesmal mit einer Country-Nummer, da möchte ich natürlich nichts verpassen.

Übermorgen tritt Julia übrigens in der Gertrudenkirche auf.

die Schuhe

Künstlerisch deutlich anspruchsvoller als im Vorjahr: die Schuhe

Locker geht die Arbeit von der Hand. Meine Kollegen nerven mich nicht, das ist schon mal ein großer Fortschritt. Vielleicht liegt es an der geschlossenen Bürotür, vielleicht aber auch nur an meinem sonnigen Gemüt.

Meine Füße, verpackt in Dinckelacker-Pferdelederloafer, liegen locker übereinandergeschlagen auf dem Schreibtisch, das MacBookPro ist zwischen Oberschenkel und Tischkante eingeklemmt und wird langsam ziemlich warm. Mich stört es nicht.

Aufgrund des Wetters habe ich mich heute für einen lockeren Aufzug entschieden, Rock&Republic-Jeans, RL-Polohemd, Omega Constellation. Die Jeans vor allem deswegen, weil ich nachher noch ins Fitneßstudio will und diese Hosen dort unheimlich Eindruck machen. Auch wenn sie nur im Schrank liegen, denn machen wir uns nichts vor: In Jeans kann man nunmal schlecht Sport betreiben.

Die Aufgaben des Tages sind soweit erledigt, also lasse ich meine Gedanken schweifen, leider dringen sie bis zu den Entwicklern vor, die sich allesamt ihrer Schuhe entledigt haben und nun in weißen Tennissocken vor sich hinstinken. Glücklicherweise können meine Gedanken nichts riechen. Das Wissen aber reicht mir aus.

Kurzzeitig setzt mein Erinnerungsvermögen aus. Als ich zu mir komme, sitze ich immer noch am Schreibtisch, allerdings ist das MacBook kaputt. Der Bildschirm ist mit Blut beschmiert, an den Kanten des Gehäuses finden sich Haare, Knorpel, weiteres Blut. Die nur zur Dekoration im Büro stehende Chromaxt ist verschwunden, was mich doch kurz erschüttert. Als ich sie im Bauch eines dicken Entwicklungsleiters sehe, dessen Haarschnitt frappierend an Hitlers erinnert, muß ich lachen. Natürlich habe ich sie dort vergessen müssen, weil das Fettgewebe sie schon fast vollständig umschlungen hat.

Ich beschließe, daß es an der Zeit ist, den Tag zu beenden. Hoffentlich kommt der Chef nicht noch mal rein. Ich möchte ungern, daß er mich so früh schon gehen sieht.

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