Keine undeutschen Umtriebe im Thai-Restaurant

Erfolg: Keine undeutschen Umtriebe im Thai-Restaurant

Der Staat, der uns ja alle vor Krisen und so schützen soll, hat sich wieder eine großartige Rettungsaktion für unser Lieblingsland ausgedacht: Er möchte uns davor beschützen, mit zuviel undeutschem in Berührung zu kommen.

Nicht nur, daß es natürlich per se unglaublich ist, das Einladungsverhalten der Bürger zu speichern, also de facto zu überwachen, aus welchen Ländern sich sein Freundeskreis zusammensetzt, nein! man will ja auch gleich aus Bürgschaften für Ausländer mögliche Verdachtsmomente ziehen.

Also platt gesagt: Wer viele Freunde hat, die undeutsch sind, der ist ja schon mal verdächtig. Also derjenige, der sich mit ausländischen Geschäftspartnern trifft, beispielsweise. Denn für die braucht man meist eine Bürgschaft. So wirtschaftsfreundlich ist unser Staat: Wenn ein indischer Kollege mit mir über ein Projekt spricht und sich deswegen mit mir treffen will, dann muß ich dem deutschen Staat erklären, daß ich auch dafür sorge, daß er wieder abhaut. Oder die anfallenden Kosten übernehmen, wenn dieser Schlingel sich auf unsere Kosten als Schmarotzer durchfressen will (anstatt wieder die Geschäfte seines gutlaufenden Unternehmens in Madras zu führen).

Und dadurch, daß ich für ihn bürge, weil ich ja nicht möchte, daß er sich als Urlauber ausgeben muß, um mich zu treffen, lande ich in der Kartei der verdächtigen Deutschen.

Noch besser ist dann die Beruhigung des SPD-Experten Hartmann: „Wenn die Botschaft sieht, dass ein Pfarrer immer die gleiche Pfadfindergruppe einlädt, muss man ja nicht so skeptisch sein.”

Also: Ja, in manchen Fällen kann man in bezug auf die VERDÄCHTIGUNG AUSNAHMEN machen. Aber generell ist schon jeder, der einen Nichtdeutschen beherbergt, ein potentieller Terrorist.

Ja, diesen Politikern sollte man unbedingt noch mehr Kontrolle über unser Leben geben. Die wissen, was gut für uns ist.

Im Bild: Ein Thai-Restaurant. Ohne störende Ausländer.

So richtig alt ist es ja nicht, das Internet. Jedenfalls das, was man gemeinhin mit dem Begriff assoziiert, nämlich das WWW. Eine Zeit ohne Internet? Erinnere ich mich nicht dran. Dafür erinnere ich mich noch an die Unterschiede zwischen „Online-Dienst” (CompuServe, AOL, BTX) und „ISP”. Und wie dieser Unterschied in Zeitschriften besprochen und auf dem Campus diskutiert wurde.

Nun, an Online-Dienste wie CompuServe werden sich jüngere Menschen schon gar nicht mehr erinnern. Das Konzept damals war ja folgendes: Der Online-Dienst schafft nicht nur einen Zugang zum Internet, sondern stellt auch einer geschlossene Benutzergruppe darüber hinausgehende Dienste zur Verfügung. So war das Online-Banking bei BTX absolut sicher: Niemand konnte von außen, also über das Internet, in diesen geschlossenen Bereich eindringen. Bei CompuServe hingegen gab es die ersten „Communities”, die in vielen Punkten der heutigen Bloglandschaft ähnelten. Nur halt in klein.

Das Internet hat all diese geschlossenen Benutzergruppen unnötig gemacht, sie aufgefressen. Warum sollte eine Gruppe von Menschen sich auch an einen Anbieter binden, wo es doch auf der Welt viel mehr Menschen gibt, die ähnliche Interessen haben?

Ich habe das Internet zunächst als einen ungeheuer großen Raum voller Pornos wahrgenommen. Ein Eldorado für den Heranwachsenden. Aber die Behaglichkeit meiner Lieblingsforen und -chats bei CompuServe hat mir zunächst gefehlt. Je länger ich mich im Netz bewegte, umso mehr begeisterte mich die völlige Anarchie, das Gefühl absoluter Freiheit. Und dieses Gefühl war nicht einmal falsch: Die technische Infrastruktur machte es damals erforderlich, daß die Daten, die durchs Netz gingen, weder gespeichert noch gefiltert werden konnten.

Doch wo es einen rechtsfreien Raum gibt, wird kein Politiker auf lange Sicht die Füße stillhalten können. Es giert in ihm, diesen Bereich zu reglementieren. Anfangs noch, wenn er nicht so recht versteht, was da vor sich geht, tritt er erstmal als Mahner auf. Meist sucht er sich Themen wie Nazis und Kinderpornos.

Später versteht er langsam, was dieses Internet-Ding eigentlich ist. Bis es soweit ist, hat sich auch die Technik weiterentwickelt. Die Datenpakete, die heute durchs Netz rasen, sind größtenteils leicht zu speichern und zu analysieren. Sicher: Die großen Video-Streaming-Portale erzeugen langsam wieder eine Last, die beeindruckend ist. Aber Dinge wie E-Mails, Chats, Forennachrichten, aber auch Metadaten an Bildern und Videos können über leistungsfähige Systeme analysiert, klassifiziert und gespeichert werden.

Und auch die Unternehmen haben mittlerweile wieder andere Interessen als früher: Die ISPs würden sehr gerne wieder zu dem Modell der geschlossenen Benutzergruppen zurück, um letztlich für alles, was irgendwie auf der eigenen Leitung geschieht, Gebühren kassieren zu können. Die Anbieter von Inhalten und Diensten halten dagegen. Noch scheint es ein Gleichgewicht zu geben. Doch wenn dies kippen sollte, werden die Gruppen wieder kleiner. Leichter zu überwachen, leichter zu identifizieren. Das wiederum wird die Politik ausnutzen, indem sie die ISPs zwingt, Daten herauszugeben.

Während in der Tagespolitik die Überwachung und Reglementierung des freien Bürgers nur sehr langsam geschieht, kann man dies im Internet in komprimierter Form erleben. Und es ist immer derselbe Ansatz.

1. Es wird ein möglichst schlimmer Einzelfall herangezogen, dem kein einziger Mensch etwas Positives abgewinnen kann. In Deutschland zieht immer: Nazis und Kinderpornos.
2. Aufgrund dieses Falls wird beschlossen, daß es eine leichte staatliche Überwachung geben muß. Da die Fälle aus 1. so schockierend sind, ist die Bevölkerung dafür. Wer sich gegen die Überwachung ausspricht, gilt als faschistischer Päderast.
3. Sobald es die staatliche Kontrolle für Einzelfälle gibt, wird die Befugnis Stück für Stück ausgebaut. Erst Kinderschänder, dann andere Gewaltverbrechen, schließlich Steuersünder (erst die Reichen, dann alle) und Falschparker.

In China gibt es bereits eine recht gut funktionierende Kontrolle des Netzes. Die technischen Mittel sind mittlerweile da. Eingehende Texte können in Nanosekunden automatisch verschlagwortet und entsprechend einsortiert werden. Daß die Trefferquote vielleicht nur bei 80% liegt ist völlig egal. Im schlimmsten Fall sortiert man in China lieber etwas zu viel heraus. Und die paar wenigen kritischen Berichte, die es durch die Große Firewall schaffen, sind in ihrer Zahl zu gering, um von Belang zu sein. Natürlich hilft es China auch, daß es wenig Wettbewerb unter den Zugangsprovidern gibt. Und sie alle von der Regierung überwacht werden.

Bei uns ist es noch nicht soweit. Aber Vorratsdatenspeicherung, Impressumspflicht, Forenbetreiberhaftung sind Anzeichen.

Es sollte uns zu denken geben, in welche Richtung sich das Internet entwickelt. Noch haben wir ziemlich viele Freiheiten hier. Aber es gibt immer mehr Ansätze, die mich ins Grübeln bringen: Der Personalausweis, der gleichzeitig als Internetpaß gelten solle. Mit durchaus großen Vorteilen: Altersprüfung, automatisches Bezahlen, größeres Vertrauen zwischen ansonsten anonym agierenden Menschen. Aber auch bedeuten, daß jeder im Netz komplett überwachbar werden kann. Es muß ja irgendwann nur noch eine Vorschrift her, daß man ohne Eingabe dieses Passes gar nicht mehr über seinen ISP ins Netz darf.

Die Impressumspflicht für Blogs: Wer steht wohl auf und protestiert dagegen, wenn er doch anonym bleiben möchte? Und überhaupt: Wer anonym bleiben will, hat ja sicher etwas zu verbergen.

Terrorgefahr, Kinderpornos und Naziseiten: All diese Dinge sind reale Gefahren für uns. Aber sie sind kleiner als die Sucht eines jeden Politikers, die Freiräume seiner Bürger zu überwachen.

„Wir geben Ihre Daten nicht weiter, benutzen sie nicht für Werbung…” und tun sowieso gar nichts damit.

Warum, zum Teufel, speichern so viele Anbieter von Software und Dienstleistungen sie dann erstmal? Wieso muß ich mich erst mit Kennwort und sonstwas ausstatten lassen, wenn ich beim Spiegel Online kommentieren möchte? Die „Welt” schafft es ja auch anders. Oder wozu ist ein Kundenkonto bei einem Internetversender nötig? Ich gehe ja auch nicht an den Kiosk und lege erstmal meinen Personalausweis hin, bevor ich mir das neue Yps-Heft kaufe.

Mittlerweile soll ich mich für jeden Dreck erstmal datentechnisch ausziehen. Hier ein Login für das Forum, dort ein Geburtsdatum für ein Blog, dann wieder die Kreditkartennummer für die Onlinebestellung. Und weil ich ja so ein fauler Mensch bin, hinterlege ich ab und an mal ein Kennwort, das ich bereits an anderer Stelle benutzt habe. Woher weiß ich denn, daß der Forenbetreiber dieses Kennwort nicht mal einfach an anderer Stelle benutzt? Daß es wirklich verschlüsselt in der Datenbank abgelegt wird? Und daß nicht etwa ein dubioser Blogbetreiber nach meiner Mailadresse oder meinem Benutzernamen sucht und das Kennwort ausprobiert, das ich angeben mußte, weil ich unbedingt kommentieren wollte?

Gut, ich übertreibe. Wir alle haben ja multiple Persönlichkeiten (manche von uns auch tatsächlich nur, wenn sie online sind), da ist das schonmal etwas einfacher.

Und vielleicht speichern auch wirklich viele Dienste diese Daten nicht, um damit Schindluder zu betreiben. Aber sie speichern sie erstmal. Vielleicht wissen sie selbst nicht genau, warum sie das tun. „Das machen doch alle so.” „Das haben wir schon immer so gemacht.”

Nur eines ist ja leider auch eine Tatsache im Internet: Gelöscht werden diese Daten niemals. Kopiert hingegen häufig.

Das Gewaltmonopol hat in Europa ja der Staat inne. Und das ist sicherlich auch gut so, denn sonst könnte es viel zu leicht zu einem Aufstand kommen. Das wollen wir ja vermeiden.

Aber auch andere Monopole gilt es zu etablieren: Die Insel macht es mal wieder vor. Dort, wo auf allen Toiletten bereits staatliche Cocaine-Consumption-TeleVision-Kameras (kurz: CCTV) vorhanden sind, ist es nur konsequent, wenn der Bürger das Recht auf eigene Aufnahmen entzogen bekommt.

Im Zweifel immer für den Aggressor.

Zu viele Uneinsichtige

Zu viele Uneinsichtige


Unsere Regierung tut ja viel, ja sogar: alles, um unsere Sicherheit zu erhöhen. Und das ist auch wichtig. Denn unsere Sicherheit ist das wichtigste Gut überhaupt. Beispielsweise vor Terroristen: Gut, jetzt gab es in Deutschland bisher kaum Anschläge, aber das kann ja kommen. Wehret den Anfängen, sage ich, wer nichts zu befürchten hat, hat auch nichts zu verbergen, wir betrachten uns also erstmal alle als Verbrecher, bis das Gegenteil bewiesen ist. Und Verbrechern darf man Fingerabdrücke abnehmen, diese im stets elektronisch und unbemerkt überwachbaren Pass abspeichern und bei Bedarf gegen den Terroristen nutzen.

Das dient der äußeren Sicherheit. Und das ist wichtig. Aber auch andere Lebenslagen bieten eklatante Sicherheitsmängel. Diese berühmte britische Studie, die uns erklärt, wie schädlich es ist, dick zu sein. Klarer Fall: Hier muß der Staat eingreifen. Und zwar nicht erst dann, wenn es zu spät ist, also reaktiv. Sondern noch bevor der Dicke überhaupt dick ist. Also müssen Ernährungspläne aufgestellt werden, es müssen staatliche Einrichtungen die kapitalistisch-dickmachenden Restaurants ersetzen. Bevor die Menschen dick werden und dem sportlichen Ideal unserer Gesellschaft nicht mehr entsprechen. Apropos: Glücklicherweise haben wir ja nun schon Gesetze, die wenigstens das Rauchen verbieten. Denn da holt man sich leicht was weg! Alkohol? Da sind wir dran. Entsprechende Verbote von „Flatrate-Partys” und Tankstellenverkauf sind auf dem Weg. Auf der Reeperbahn dürfen stark alkoholisierte Menschen von der Polizei nach Hause geschickt werden. Ich denke mal, das Ausschankverbot kommt kurz nach dem Verbot des öffentlichen Konsums (der Kinder wegen!)

Reicht uns das? Natürlich nicht. Wir wollen auch die vielen, vielen Todesfälle auf Deutschlands Straßen vermeiden. Um in der Logik des Terrorismusbekämpfers Schäuble zu bleiben: Wenn doch nur ein einziges Menschenleben gerettet werden kann, indem wir auf das Auto verzichten, wieso müssen wir dann überhaupt über den Individualverkehr diskutieren? Ach ja, der Verkehr: Wir brauchen mehr Kinder. Könnten Sie nicht alle sich ein bißchen ins Zeug legen, ja? Das wäre nett. Denn sonst müßte der Staat auch hier eingreifen. Wenn Deutschland in wenigen Jahren menschenleer ist, dann ist doch die dringlichste Aufgabe des Staates, dies zu verhindern. Denn machen wir uns nichts vor: Diese Gefahr ist mindestens so real wie die des Terrorismus. Abends, ab 2100h, nach den staatlichen Nachrichten und dem vom Ernährungsministerium freigegebenen Essen, werden Sie also gebeten, ohne Kondome Ihren Partner zu besteigen, bzw. sich besteigen zu lassen. Jeden zweiten Tag, an den anderen Tagen, das wissen Sie ja, ist Ihr persönliches Sportprogramm dran.

Wir sollten aber auch die Gefahren des alltäglichen Lebens nicht unterschätzen. Schätzungen zufolge holen sich 20% der Menschen, die bei Regen aus dem Haus gehen, eine Erkältung. Bei wiederum 10% davon wird eine schwere Lungenentzündung draus. Und dafür soll die Krankenkasse zahlen? Nein. Wir sollten uns langsam daran gewöhnen, daß asoziales Verhalten nicht toleriert werden kann. Bei Regen muß nun wirklich nicht jeder einfach so herumspazieren. Die Regierung wird nichts dagegen haben, wenn man vereinzelt und bei wirklich wichtigen Anlässen auch mal bei Gewitter das Haus verläßt, aber zum Spaß? Um dann der Allgemeinheit auf der Tasche zu liegen? Muß nicht sein.

Kommt Ihnen übertrieben vor? Beim Thema Reichensteuer haben Sie noch applaudiert? Das Rauchen hat Sie eh immer gestört? Das mit dem Alkohol beginnt Sie jetzt schon zu nerven? Die Sache mit der Ernährung war ja schon voll daneben, aber die Absicht war immerhin gut?

Das aber ist die Konsequenz, wenn der Staat dafür sorgen soll, daß wir ohne Risiko leben. Wie bei einer Versicherung bezahlen wir dafür. Nur ist der Preis diesmal die Freiheit.

England ist mal wieder weiter als wir. Während bei uns noch immer scheinheilig über den sogenannten Bundestrojaner diskutiert wird, macht man in England Nägel mit Köpfen. Thoughtcrime wird dort nicht erst gesucht, wenn die möglichen Terroristen bereits ausgereifte Persönlichkeiten sind, die, mit allen Wassern gewaschen, sich sogar Lügendetektortests und Jack Bauer persönlich entwinden können.

England weiß, daß man Terroristen zu dem Zeitpunkt überführen muß, wenn sie am verwundbarsten sind. Bevor sie selbst wissen, daß sie Terroristen werden. Wovon Amerika noch träumt, ist bei unserem sympathischen Nachbarn bereits Wirklichkeit. Vielleicht ist man dort nicht so erfinderisch, daß Apparate zur Gedankenkontrolle erfunden werden. Aber das heißt nicht, daß das Vereinigte Königreich bei der Terrorismusbekämpfung hinten anstehen wird.

Wie wir als Deutsche ja wissen, muß eben, wenn es am Material fehlt, der äußerste Wille auch zu unmenschlichen Taten für den Sieg herhalten. England hat dies auf vorbildliche Weise umgesetzt.

Momentan ist England noch ein verweichlichter Rechtsstaat, deswegen kann über die Empfindungen der dummen Bürger noch nicht ganz hinweggegangen werden: Momentan werden rassistische Kleinkinder nur von ihren Betreuern gemaßregelt.

Aber nach dem nächsten Anschlag, wenn das Wahlvolk endlich begriffen hat, daß die Aufgabe von ein wenig Freiheit doch ein so kleines Übel ist, wenn dadurch auch nur ein einziges Menschenleben gerettet werden kann, dann wird es verstehen: Auch wenn sie noch so klein und unschuldig aussehen, auch wenn sie nur „bäh” statt „meine Geschmackszellen vermögen dieses hochinteressante Essen der traditionsreichen Küche Indiens noch nicht zu goutieren, aber ich werde an mir arbeiten, dieses wundervolle Land besser kennenzulernen” sagen: Es sind Rassisten. Und die gehören nicht in diese Gesellschaft, wehret den Anfängen, schmeißt sie in den Hochofen!

Dieses Ding sollte eigentlich jeder haben. Eine ebenso simple wie gute Idee: Man trägt ein Stirnband, an dem Infrarotlampen befestigt sind. Auf einer Überwachungskamera erscheint somit das Gesicht des Bürgers nicht. Lediglich ein heller weißer Fleck ist zu sehen.

Nun, es ist natürlich völlig klar, daß zuerst diejenigen, die tatsächlich eine Straftat begehen wollen, diese Erfindung nutzen werden. Leider ist es ja so, daß bei uns immer noch der Gedanke verbreitet ist, daß nur derjenige etwas zu verbergen habe, der Kinder frißt. Freiheit ist langweilig, weil wir uns daran gewöhnt haben. Viele Menschen werden daher eine solche Erfindung als nur für Verbrecher gemacht abtun.

Und daher glaube ich auch, daß es sehr schnell Gesetze geben wird, um das einzudämmen. So wie das Vermummungsverbot bei Demonstrationen. Der Staat wird sich dagegen absichern wollen, daß seine Bürger der für ihre Sicherheit so wichtigen Überwachung entziehen.

Der Clou an dieser elektronischen Vermummung ist aber der, daß sie vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen wird. Es dürfte also ziemlich schwerfallen, das zu kontrollieren.

Logik des Staates wird es sein, alle Kopfbandträger unter Generalverdacht zu stellen.

Es ist ja zu unserem besten.

Ich fahre ja nun wirklich nicht gerne mit dem ÖPNV. Das habe ich, glaube ich, auch schon ein paar Mal kundgetan. Heute aber tue ich es schon wieder. Ich beruhige mich selbst mit den Worten „es wird schon nicht so schlimm.”

Auf der Hinfahrt klappt auch alles bestens. Die S-Bahn ist halbwegs pünktlich und vor dem Blankeneser Bahnhof wartet auch brav ein Taxi auf mich. Ich erledige also meine diversen Vorhaben in Blankenese und finde mich kurze Zeit wieder in der S-Bahn in Richtung Heimat.

Und dann steigen sie ein. Ein Haufen bereits völlig betrunkener Fitneßassis, über und über mit Schwarz-Rot-Gold eingedeckt, laut „Deutschland, Deutschland” brüllend. Als keiner der Insassen mit dem ihrer Meinung nach gebührenden Enthusiamsus reagiert, werden sie böse. „Seid Ihr keine Deutschen?” Mit Blick auf den schwarzen Herrn neben mit: „Offensichtlich nicht.” Sie beratschlagen, ob sie in einen anderen Wagon umsteigen sollen und ich rate ihnen zu. Mit der nötigen Höflichkeit, damit die Sache nicht eskaliert. Aber natürlich fühlen sie sich sofort angegriffen, was letztlich irgendwie ja auch stimmt. Ob ich denn nicht bis zum, und das sagen sie wirklich so, Endsieg mitfiebere. Den habe schon mein Opa damals nicht bekommen, erwidere ich, und ernte Gelächter.

„Um 2045h wird zurückgeschossen,” plärrt einer der Dümmsten aus der Gruppe. Ich stehe auf und schiebe den Schwarzen mit hinaus. Mal den Wagen wechseln. Das könnte ansonsten unangenehm werden. In Altona spreche ich einen HVV-Mitarbeiter an, der aber ziemlich desinteressiert wirkt. Naja, er hat natürlich recht. In der S-Bahn kann ja gar nichts passieren.
Da sind ja überall Kameras.

Ein sehr feinerDiskurs, der da auf Spiegel Online zu lesen ist. Er zeigt aber leider auch, wie erfolgreich der Terrorismus der letzten Jahrzehnte war. So antwortet der keinesfalls als politikunerfahrene geltendeMatthias Matussek Herrn Friedman, als es um Freiheit oder Angst ging:

„Frage: Noch mal zurück zum spezifischen Fall: Ist es, Herr Friedman, nicht das geringere Übel, eine Karikatur nicht abzudrucken – auch wenn ich dabei vielleicht unsere freiheitlichen Werte untergrabe –, wenn auf der anderen Seite das Risiko steht, dass Menschen ihr Leben verlieren?”

Er selbst zeigt sogar schon in seinem Einschub, daß er die Brisanz dieser Entscheidung im Prinzip verstanden hat. Und am Ende ist es ihm doch wichtiger, daß bloß niemand direkt zu Schaden kommt, als die freiheitlichen Werte zu schützen.

Werte, ohne die das Leben noch nicht einmal lebenswert ist. Wir können vor Gewalt generell einknicken. Wir können uns all jenen anpassen, die uns körperlichen Schaden androhen. Wir können uns dem Schläger auf dem Schulhof unterordnen, obwohl der vielleicht total bescheuert ist. Wir können, je nach Wohnort, alle Glatzen tragen und Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln.

Oder aber: Verstehen, daß die Freiheit ein verdammt wichtiges Gut ist. Eines, daß man auch verteidigen muß, wenn es wirklich bedroht ist. Alles andere ist eine hohle Phrase, die viele junge Männer während eines 10 – 18 monatigen Saufaufenthaltes auf Staatskosten mal von sich gegeben haben, die meisten im Vollsuff.

Die Argumentation, daß ein Leben in Unfreiheit besser sei als den Verlust eines Menschenlebens in kauf zu nehmen, ist alt. Sie hieß früher mal „lieber rot als tot”, wurde abgewandelt in „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten” (=Unfreiheit ist auch gar nicht so schlimm für die, die ins Raster passen) und gipfelt nun in Matusseks Antwort auf die Karikaturenfrage.

Ein bereits hier zitierter Bekannter hat mich mal gefragt, ob denn eine totale Überwachung in einem Rechtsstaat, in dem man ja nichts zu befürchten habe, wenn man sich ans Programm halte, nicht ein nur kleiner Preis dafür sei, wenn auch nur ein Menschenleben gerettet werden könne.

Aber es ist kein kleiner Preis. Es ist viel zu hoch.

Der Spiegel berichtet über interessante Methoden zur Verbrechensbekämpfung. Was Helge Schneider noch in „00 Schneider” als Witz darstellte, ist mittlerweile also Realität. Indem ein Hund einen anschnüffelt, hat man sich strafbar gemacht. Logisch. Denn Hunde lügen ja auch nicht. Und deren Besitzer, private und nicht einmal nach objektiv meßbaren Kriterien geschulte Nicht-Beamte, natürlich auch nicht.

Wie mir ein Bekannter letztens versicherte, sei es ja auch vollkommen egal, ob man nun als Unschuldiger mal in den Verdacht komme, ein Verbrechen begangen zu haben, weil ja erst im Gerichtsverfahren die Schuldfrage geklärt werde und man bis dahin ja als unschuldig gelte.

Das wird denjenigen nicht viel helfen, die aufgrund eines solchen Verfahrens (am besten in einem Fall, der das gesunde Volksempfinden kochen läßt) in ihrer Nachbarschaft gehaßt werden, ihren Job verlieren, und über die in der Bild-Zeitung in riesigen Lettern berichtet wird.

Denn „wo Rauch ist, da ist eben auch Feuer”.

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