13. August, 2008
So richtig alt ist es ja nicht, das Internet. Jedenfalls das, was man gemeinhin mit dem Begriff assoziiert, nämlich das WWW. Eine Zeit ohne Internet? Erinnere ich mich nicht dran. Dafür erinnere ich mich noch an die Unterschiede zwischen „Online-Dienst” (CompuServe, AOL, BTX) und „ISP”. Und wie dieser Unterschied in Zeitschriften besprochen und auf dem Campus diskutiert wurde.
Nun, an Online-Dienste wie CompuServe werden sich jüngere Menschen schon gar nicht mehr erinnern. Das Konzept damals war ja folgendes: Der Online-Dienst schafft nicht nur einen Zugang zum Internet, sondern stellt auch einer geschlossene Benutzergruppe darüber hinausgehende Dienste zur Verfügung. So war das Online-Banking bei BTX absolut sicher: Niemand konnte von außen, also über das Internet, in diesen geschlossenen Bereich eindringen. Bei CompuServe hingegen gab es die ersten „Communities”, die in vielen Punkten der heutigen Bloglandschaft ähnelten. Nur halt in klein.
Das Internet hat all diese geschlossenen Benutzergruppen unnötig gemacht, sie aufgefressen. Warum sollte eine Gruppe von Menschen sich auch an einen Anbieter binden, wo es doch auf der Welt viel mehr Menschen gibt, die ähnliche Interessen haben?
Ich habe das Internet zunächst als einen ungeheuer großen Raum voller Pornos wahrgenommen. Ein Eldorado für den Heranwachsenden. Aber die Behaglichkeit meiner Lieblingsforen und -chats bei CompuServe hat mir zunächst gefehlt. Je länger ich mich im Netz bewegte, umso mehr begeisterte mich die völlige Anarchie, das Gefühl absoluter Freiheit. Und dieses Gefühl war nicht einmal falsch: Die technische Infrastruktur machte es damals erforderlich, daß die Daten, die durchs Netz gingen, weder gespeichert noch gefiltert werden konnten.
Doch wo es einen rechtsfreien Raum gibt, wird kein Politiker auf lange Sicht die Füße stillhalten können. Es giert in ihm, diesen Bereich zu reglementieren. Anfangs noch, wenn er nicht so recht versteht, was da vor sich geht, tritt er erstmal als Mahner auf. Meist sucht er sich Themen wie Nazis und Kinderpornos.
Später versteht er langsam, was dieses Internet-Ding eigentlich ist. Bis es soweit ist, hat sich auch die Technik weiterentwickelt. Die Datenpakete, die heute durchs Netz rasen, sind größtenteils leicht zu speichern und zu analysieren. Sicher: Die großen Video-Streaming-Portale erzeugen langsam wieder eine Last, die beeindruckend ist. Aber Dinge wie E-Mails, Chats, Forennachrichten, aber auch Metadaten an Bildern und Videos können über leistungsfähige Systeme analysiert, klassifiziert und gespeichert werden.
Und auch die Unternehmen haben mittlerweile wieder andere Interessen als früher: Die ISPs würden sehr gerne wieder zu dem Modell der geschlossenen Benutzergruppen zurück, um letztlich für alles, was irgendwie auf der eigenen Leitung geschieht, Gebühren kassieren zu können. Die Anbieter von Inhalten und Diensten halten dagegen. Noch scheint es ein Gleichgewicht zu geben. Doch wenn dies kippen sollte, werden die Gruppen wieder kleiner. Leichter zu überwachen, leichter zu identifizieren. Das wiederum wird die Politik ausnutzen, indem sie die ISPs zwingt, Daten herauszugeben.
Während in der Tagespolitik die Überwachung und Reglementierung des freien Bürgers nur sehr langsam geschieht, kann man dies im Internet in komprimierter Form erleben. Und es ist immer derselbe Ansatz.
1. Es wird ein möglichst schlimmer Einzelfall herangezogen, dem kein einziger Mensch etwas Positives abgewinnen kann. In Deutschland zieht immer: Nazis und Kinderpornos.
2. Aufgrund dieses Falls wird beschlossen, daß es eine leichte staatliche Überwachung geben muß. Da die Fälle aus 1. so schockierend sind, ist die Bevölkerung dafür. Wer sich gegen die Überwachung ausspricht, gilt als faschistischer Päderast.
3. Sobald es die staatliche Kontrolle für Einzelfälle gibt, wird die Befugnis Stück für Stück ausgebaut. Erst Kinderschänder, dann andere Gewaltverbrechen, schließlich Steuersünder (erst die Reichen, dann alle) und Falschparker.
In China gibt es bereits eine recht gut funktionierende Kontrolle des Netzes. Die technischen Mittel sind mittlerweile da. Eingehende Texte können in Nanosekunden automatisch verschlagwortet und entsprechend einsortiert werden. Daß die Trefferquote vielleicht nur bei 80% liegt ist völlig egal. Im schlimmsten Fall sortiert man in China lieber etwas zu viel heraus. Und die paar wenigen kritischen Berichte, die es durch die Große Firewall schaffen, sind in ihrer Zahl zu gering, um von Belang zu sein. Natürlich hilft es China auch, daß es wenig Wettbewerb unter den Zugangsprovidern gibt. Und sie alle von der Regierung überwacht werden.
Bei uns ist es noch nicht soweit. Aber Vorratsdatenspeicherung, Impressumspflicht, Forenbetreiberhaftung sind Anzeichen.
Es sollte uns zu denken geben, in welche Richtung sich das Internet entwickelt. Noch haben wir ziemlich viele Freiheiten hier. Aber es gibt immer mehr Ansätze, die mich ins Grübeln bringen: Der Personalausweis, der gleichzeitig als Internetpaß gelten solle. Mit durchaus großen Vorteilen: Altersprüfung, automatisches Bezahlen, größeres Vertrauen zwischen ansonsten anonym agierenden Menschen. Aber auch bedeuten, daß jeder im Netz komplett überwachbar werden kann. Es muß ja irgendwann nur noch eine Vorschrift her, daß man ohne Eingabe dieses Passes gar nicht mehr über seinen ISP ins Netz darf.
Die Impressumspflicht für Blogs: Wer steht wohl auf und protestiert dagegen, wenn er doch anonym bleiben möchte? Und überhaupt: Wer anonym bleiben will, hat ja sicher etwas zu verbergen.
Terrorgefahr, Kinderpornos und Naziseiten: All diese Dinge sind reale Gefahren für uns. Aber sie sind kleiner als die Sucht eines jeden Politikers, die Freiräume seiner Bürger zu überwachen.
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