Suit of the Day

Suit of the Day

Der große Raum füllt sich langsam mit Menschen. Gleichzeitig steigt entsprechend die Temperatur, während der Sauerstoffgehalt abnimmt. Bereits nach einer Stunde beginnen meine Augen zuzufallen. Anzugskontrolle: Der maßgeschneiderte, dunkelblaue Anzug von Oliver Kresse sitzt perfekt. Das Paisley-Einstecktuch ragt ordentlich zerknüllt aus der Reverstasche. Die bordeauxfarbene Hèrmes-Krawatte muß ich etwas zurechtrücken, damit sie die Knopfleiste des weißen Van-Laack-Hemdes ordentlich bedeckt. Kurzm: Ich bin viel zu gut angezogen für die Mischpoke hier.

Mein müder Blick streift den Moderator. Er trägt einen großen Lappen um den Oberkörper gewickelt, einen von der Art, wie sie bei C&A wohl als Sakko verkauft werden. Die Krawatte, die er vermutlich Schlips nennen würde, hat er weggelassen, dafür beißt sich die Farbe seines Hemdes sowohl mit der Hose als auch mit dem Sakko. Wobei es ihm sogar gelingt, daß sich auch noch Hose und Sakko beissen. Ein ganz klein wenig beeindruckt bin ich schon. Selbst bei einer rein stochastischen Anzugswahl hätte wenigstens eines seiner Kleidungsstücke mit einem der anderen harmonieren müssen.

„Rot täte dem Aufzug gut”, sinniere ich vor mich hin und bemerke erst aufgrund des fragenden Blickes meines Kollegen, daß ich mal wieder laut gedacht habe. Es ist nicht das erste Mal heute: Im Flugzeug bat ich meinen Sitznachbarn darum, doch mal kurz das Fenster zu öffnen. Tatsächlich hatte ich mir diesen Satz also nicht nur vorgestellt. Aufgrund der Reaktion habe ich mir aber vorgenommen, diese kleine Gesprächsauflockerung nun bei jedem meiner Flüge anzubringen. Natürlich in völlig ernstem Tonfall.

Meine Augen fallen zu, und als ich sie wieder öffne, steht da eine unheimlich niedliche Dame am Mikrofon, und deutet auf die Leinwand hinter sich, verhaspelt sich, beginnt zu quietschen, dann verfällt sie in einen resignativen, sonoren Sprech-Trab, der meine Augen erneut dazu bringt, sich nach innen zu verhohlen.

Eine halbe Stunde später stubst mich mein Kollege an. Der nächste Redner steht vorne und hält einen dieser typischen Vorträge, die keiner hören will: „Auf dieser Folie wollte ich ausdrücken,…”, „also, die Slide können wir ja überspringen” und „ja, was wollte ich eigentlich damit sagen?”

Die meisten Zuschauer sind mittlerweile eingenickt, ich beneide sie, weil sie keinen wachen Kollegen neben sich haben, der sie aufweckt und daran erinnert, warum sie hier sind.

Als der Folienflüsterer abtritt, weiß ich genau, was zu tun ist. Wie nahezu alle schlechten Präsentatoren verzieht er sich direkt nach seiner Litanei aufs Klo. Er ahnt nichts, als er sich hinsetzt, um seine Blase zu entleeren. Die Drahtschlinge legt sich fast zärtlich über seinen Hals, erst als ich sie ruckartig zuziehe, begreift er die Situation, aber es ist zu spät, er bekommt seine Finger nicht mehr zwischen Hals und Draht. Ich ziehe fester zu. Er beginnt mit den immer so unheimlich bescheuert klingenden Krächzlauten Erstickender, greift sich völlig sinnloserweise an den Hals. Er beschließt, mir ein bißchen Unterhaltung zu liefern, indem er zunächst rot, dann blau anläuft. Lustig zappeln seine Füße hin und her, gerade so, als habe er das Video des schlafwandelnden Hundes einmal zu oft gesehen.

Ich weiß ja, was jetzt kommen wird. Und es verdirbt mir jedes Mal den Spaß am Tötungsvorgang: Sein Schließmuskel wird versagen. Doch diesmal habe ich vorgesorgt. Ich hake den Draht mit einem kleine Metallenterhaken an der Nebentoilette fest, verabschiede mich mit einem nett gemeinten „ich muß los, ich weiß, Sie eigentlich auch, höhö” und spaziere zurück in den stickigen Besprechungssaal.

Schon beim Eintreten verschlägt es mir den Atem. Überall auf den Stühlen liegen Menschen, aneinandergekuschelt, teilweise schnarchend. Selbst mein Kollege, der ansonsten jeden noch so langweiligen Vortrag ohne einzunicken übersteht, wirkt angeschlagen. Ich gucke auf die Bühne. Und erblicke ihn. Die Geheimwaffe des Sandmanns. Den Abgesandten der Langweile. Ihn. Den Mann, der es schafft, eine Stunde lang Powerpointfolien vorzulesen, die über und über mit Aufzählungszeichen und sinnentleerten Beratervokabeln zugemüllt sind. Ihn, der kein einziges Mal Luft holen muß, der auch kein einziges Mal seine Stimme senkt oder erhebt. Ihn, der sich weder von Satzzeichen noch von Absätzen aus seinem stetigen Redefluß herausbringen läßt. Ich versuche, wieder aus dem Raum zu kommen, aber ich weiß, ich werde es nicht schaffen. Ich bin noch zu weit von der rettenden Tür entfernt. Ich versuche, mich auf spannende Dinge zu konzentrieren. Die Brüste dieser Blondine da in der letzten Reihe. Die Daytona am Handgelenk des Konkurrenten. Aber es ist nichts zu machen. Noch fünf Schritte trennen mich vom Ausgang. Mit unmenschlicher Willenskraft reiße ich meine Augen auf, springe…

… und während meine Hand die Klinke streift, fallen meine Augen zu, und während ich geschlagen am Boden liege, höre ich in den letzten wachen Momenten die sonore Beraterstimme: „die XML-Struktur der modular aufebauten Software macht sie beliebig erweiterbar und wird die future challgenges schon heute leveragen, bei geringer total cost of ownership.”

Mein Hirn schaltet ab. Sie haben gewonnen.

Konzert verpaßt? Dann ist der Zug abgefahren

Konzert verpaßt? Dann ist der Zug abgefahren

Meine Kollegen sitzen auf den diversen Flughäfen Europas fest, ich sitze mit einem äußerst unangenehmen Muskelkater, den mir das neue Trainingsprogramm einbrachte, am Telefon und spiele Seelentröster. Ich kann das mittlerweile recht gut. Während ich mich versuche, auf die einzelnen Nerven und Muskeln zu konzentrieren, die da so Lärm machen, klingelt das Handy, ich gehe ran, unterhalte mich mit Exfreundin G., während ich vergesse, daß ich ja in der anderen Hand noch den Telefonhörer mit meinem Kollegen habe. Nach Austausch einiger Sätze auf Thai hält mich mein Kollege also für vollends gestört, während G. mich fragt, was eine Aschewolke sei und wieso ich glaube, daß sie in London festsitze.

Kurz entschlossen beende ich beide Gespräche, indem ich wirres Zeugs von mir gebe und dann ins Telefon plärre: „Just say no”, dann auflege. Wenns wichtig war, wird sich schon einer der beiden wieder melden.

Immerhin ist ja Freitag, und wie jeder Mensch weiß, ist das ein Tag, an dem man keinesfalls ernst bleiben kann.

Was ich aber eigentlich sagen wollte:
Heute abend spielt die großartige Julia Noack im Haus 73 in Hamburg. Wer da nicht hingeht, verpaßt eine der besten Singer/Songwriterinnen Deutschlands.

Apfel und OrangeApfel und Orange

„Orange trägt nur die Müllabfuhr” plärrt Mickie Krause aus dem Soundsystem meines Audis während wir die holländische Grenze überqueren. Mein Kollege guckt angestrengt aus dem Fenster; ein verzweifelter Versuch, die Musik per Autosuggestion aus seinem Gehörgang rauszuhalten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen gelingt es ihm nicht.

Es wäre so leicht, meinen Sieg vollkommen zu machen, indem ich zu singen anfinge, aber das erspare ich uns: Die Reise hat ja gerade erst begonnen.

Auf dem Veranstaltungsgelände ist alles schon perfekt vorbereitet: Stände stehen herum und bieten Hostessen feil, dicke Geschäftsführer führen ihre C&A-Zeltplanen spazieren und erklären dabei jedem, wie erfolgreich sie seien, geschniegelte Beratertypen laufen in Zegna und Armani herum (ich: Zegna) und diskutieren über die neuen Rolex-Kaliber, unterfickte Vorstandsassistentinnen wuseln geschäftig hin und her, um bloß nicht innehalten und über ihr verpfuschtes Leben nachdenken zu müssen, dabei verbreiten sie schlechte Laune, allerdings nicht bei mir, denn ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus: Mein Kollege deutet auf eine Ruine inmitten all dieser schönen Kommerztempel und sagt: „Das ist unser Boot, Männer.”

In der Tat scheint die Messebaugesellschaft alles im Griff gehabt zu haben. Außer unseren gewerkschaftlich organisierten Arbeitern. Guest68, der für das alles irgendwie verantwortlich ist, fühlt sich nicht ganz so wohl wie ich, das mag aber auch daran liegen, daß seine Kontenance nach zwei Tagen Schlafentzug nicht auf ihrem Höchststand ist. Aber ich habe leicht reden: Ich habe mit dem Theater wenig bis gar nichts zu tun.

Daher suche ich mir ein nettes Restaurant in der Nähe und speise mit meinen Kollegen zu Abend. Es gibt Scaloppine in Weißweinsauce. Die Reise beginnt wirklich entspannt.

Im Bild: Stilleben mit Apple und Orangen.

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