Werber bei kreativer Einlage. Hier: Virales Biermarketing

Werber bei kreativer Einlage. Hier: Virales Biermarketing

Fragen Sie bitte mal einen jungen Menschen, der gerade frisch von der Uni kommt (oder noch studiert) und Spaß an sozialen Netzen hat, welchen Berufswunsch er habe. Ich garantiere: In mehr als 50% der Fälle wird er als Wunscharbeitsplatz eine Stelle in einer Werbeagentur angeben. Weil das ja so hip ist. Weil sich da jeder mit jedem versteht. Weil es da locker zugeht.

Und die Agenturen sind ja nicht blöd. Im Gegenteil: Wenn jemand etwas davon versteht, eine Marke aufzubauen, Wunschträume auf Unternehmen zu projezieren, dann die Werber. Also tun sie auch alles dafür, diesen Eindruck, der bestmögliche Arbeitgeber für junge, äh, High-Potentials zu sein. Und warum tun sie das? Weil es sich um menschenfreundliche Kumpel handelt, die eigentlich nur Spaß an der Arbeit haben möchten? Die jetzt schon alles dafür tun, die jungen Studienabbrecher zu umsorgen?

Oder aber haben diese Unternehmen vielleicht ein ganz anderes Ziel? Nämlich das, mit möglichst wenig Kosten viel Geld zu verdienen? Also in etwa das Ziel, das 100% aller anderen am Markt agierenden Unternehmen auch haben. Und vielleicht ist es ja auch gerade in Krisenzeiten so, daß Unternehmen nicht mehr so viel Geld in Werbung stecken, die Agenturen also so langsam ein Kostenproblem bekommen?

Und genau deswegen, liebe Studienabgänger und -brecher, habt Ihr so früh so viel Verantwortung: Ihr kostet nichts, arbeitet freiwillig schon als Praktikanten bis spät in die Nacht, schert Euch nicht um Überstunden oder gesetzliche Auflagen bezüglich der Tages- oder Wochenarbeitszeit. Ihr laßt Euch aus dem Urlaub holen, fragt nicht einmal nach, ob Wochenendarbeit nun wirklich drei Mal in Folge sein muß, sondern freut Euch über den Taxigutschein (weil es eh keine Firmenwagen gibt) und das kostenfreie Obst (weil die Gehälter so erschreckend gering sind, daß Ihr es Euch zuhause nicht leisten könnt).

Seitdem ich einen kleinen Einblick in diese Branche gewinnen durfte, fällt mir immer wieder auf, welch ungeheure Diskrepanz zwischen Schein und Realität gerade bei Marketingberatern vorherrscht.

Schein: Hippes Arbeitsklima, lockere Arbeitszeiten, freundliche Kollegen, hohe Eigenverantwortung, gute Bezahlung
Realität: ständig angespannte Atmosphäre (wegen ständiger Kündigungen), Arbeitszeiten, die ungesetzlich sind, häufige Streitereien (gerade zwischen „Kreativen” und kundenorientierten Mitarbeitern), keinerlei Entscheidungskompetenz, miserable Bezahlung (weit unterhalb von Facharbeitern)

Und über Fortbildung wollen wir gar nicht erst reden.

Natürlich trifft das alles nicht auf alle Unternehmen zu, die sich Beratungsdienstleistung rund um die Werbung auf die Fahne geschrieben haben. Aber je größer, je bekannter das Unternehmen ist, je mehr es vom Namen her zum Lebenslauf paßte, desto höher ist die Chance, in einem der wenigen Läden in Deutschland zu arbeiten, in denen selbst ich gerne eine Gewerkschaft sähe.

Die drei Herren von der Werbeagentur sitzen vor mir, aufgereiht wie die Hühner auf der Stange. Sie erfreuen sich an den schönen Standardformulierungen ihres Chefs. Dieser wird nicht müde, von „Order Mufti” zu sprechen und auch ansonsten Platitüde an Platitüde zu reihen. Die wenigen Sekunden, die er benötigt, um Luft zu holen, füllt mein Kollege mit mißglückten Satzfragmenten wie „muß man harvesten, hmm-mm.”

Ich stiere vor mich hin, schaue mir die bunte Truppe an. Eine besonders erfolgreiche Agentur kann es nicht sein. Billige Karosakkos, Lee-Jeans, ausgewaschene Pullis. Das ist nicht einmal der viel beschworene Schanzen-Look, bei dem alles billig aussehen, aber teuer eingekauft werden muß. Aber unser Budget ist vermutlich ebenso klein wie deren Kleidungspauschale.

Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkommen, bin ich geistig weit weg, nämlich auf Mallorca, am Pool, mit einem Gin Tonic in der Hand und einer exotischen Frau im Arm. Während sie mir in meinen Gedanken noch den Nacken krault, werde ich jäh in die Wirklichkeit zurückgerissen: „Kannst Du wohl dieses Online-Ding mal erklären?”

Ich bin vorbereitet, also spule ich schnell meinen Text ab, ohne darauf zu achten, ob mich jemand versteht. Sie können ja zwischendurch fragen. Oder mich bremsen. Fünf Minuten später bin ich fertig. Ich habe ihnen alles beigebracht, was ich über das Internet weiß. Was soll ich auch irgendjemandem irgendetwas vormachen? Das ist alles so banal, daß es eigentlich als Allgemeinbildung durchgeht.

Es kommen keine Nachfragen, jedenfalls keine, die man als solche bezeichnen kann. Und keine, deren Beantwortung ich ernsthaft in Erwägung ziehe. Nur die generischen Pseudofragen werden an mich gerichtet, die von der Art, die man stellt, um Interesse zu heucheln. Zwischendurch noch ein paar Zusammenfassungen, die völlig am Sinn der Diskussion vorbeigehen.

„Gutes Meeting,” resümmiere ich dann lange vorm geplanten Ende der Besprechung. Ich stehe auf, greife mir das Armani-Jackett, rücke den Knoten meiner Hermès-Krawatte zurecht und verlasse den Raum, nicht ohne jedem Anwesenden, Kollegen inklusive, die Hand zu schütteln. Höflichkeit muß sein.

Der Chef kommt fünf Minuten später in mein Büro: „Das war jetzt mal wirklich produktiv.”

Über eine tolle Veranstaltung stolpere ich gerade.

„Es geht um Social Media vs. Mainstream Media, um Kontrolle vs. Glaubwürdigkeit, Conversation & Co-Creation vs. Key-Messages.”

Gut, nun weiß ich zwar immer noch nicht, welche Assets ich da mitbringen muß, damit mein Mind Set damit geleveragt wird, aber ich habe schon mal eine Idee, ob das nun Sinn macht.

Derart inspired reade ich aber erstmal weiter, denn noch weiß ich nicht wirklich, was mich auf dieser Konferenz erwartet:

„Auch unser Weekend Summit wird keine klassische Konferenz im Sinne von “Top Down Lectures sein”

Gut, es ist also schon mal keine Konferenz. Sondern?

„wir wollen Diskussion, Dialog, Partizipation und Co-Creation.”

Klingt jetzt doch nach einer klassischen Konferenz, wenn ich honest sein soll. Vielleicht lerne ich ja mehr, wenn ich das Abstract mal top-bottom finishe:

„Die Idee zu diesem Weekend Summit hat uns unsere seit einigen Jahren erfolgreiche Summer University gegeben, bei der unsere “Next Generation Leaders” zusammenkommen”

Jetzt bin ich mir dann endgütlig sicher. Diese Konferenz ist nichts für mich. Aber für all die Creatives, die Future Leaders, aber auch Top Professionals aus der Line, die vielleicht mal nicht nur ständig mit Customern talken wollen, die sie eh nicht verstehen, die können sich mal ganz entspannt einmal mehr ihresgleichen hingeben. Und bemerken vielleicht nicht einmal, daß sie mittlerweile eine Sprache sprechen, die keiner mehr versteht.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 35 other followers